Freitag, 4. September 2009
Qualitätssicherung von Prävention und Gesundheitsförderung: Welche Kriterien sind wichtig?
Die Idee der systematischen Qualitätssicherung verbreitet sich auch im Gesundheitswesen immer mehr. Unter Experten herrscht hohe Übereinstimmung in der Frage, welche Anforderungen oder Kriterien für Qualitätssicherungsprogramme im Gesundheitswesen bedeutsam sind. Die Experten sind aber auch davon überzeugt, dass es regelmäßig zu Kollisionen zwischen wichtigen Kriterien der Qualitätssicherung kommt – beispielsweise zwischen „leichter Handhabung“ und „sachlicher Vollständigkeit“. Zu diesem Ergebnis kamen Hamburger Wissenschaftler, die deutsche Praktiker und Manager von Prävention und Gesundheitsförderung aus Betrieben, Krankenkassen oder dem Öffentlichen Gesundheitsdienst in den Jahren 2004 bis 2007 befragt hatten.
Obwohl sich systematische Qualitätssicherung immer weiter verbreitet, existieren ernsthafte Zweifel an der Evidenz vieler Qualitätssicherungsprogramme und ihrem Nutzen. Diese kritische Bilanz ist der Ausgangspunkt des Versuchs der Hamburger Wissenschaftler, Brauchbarkeitsbereiche und -kriterien für die Qualitätssicherung im Bereich von Prävention und Gesundheitsförderung zu bestimmen. Dazu extrahierten sie zunächst aus der wissenschaftlichen Literatur in einer strukturierten Bilanz fünf Bereiche und 21 Kriterien.
Diese Taxonomie enthielt beispielsweise im Bereich „leichte, effiziente Handhabung“ Kriterien wie Sparsamkeit und Benutzerfreundlichkeit; im Bereich „Nutzungsmöglichkeiten und Aufgabenspektrum“ spielten Rückmeldungen an Projekte, Fairness gegenüber praktischen Erfordernissen oder die Funktionsbreite eine Rolle; im Bereich „sachliche Vollständigkeit und Reichweite“ zählten die Möglichkeit der Ursachenermittlung, die Erfassung der Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen oder die Darstellung aller Qualitätsdimensionen von Struktur über Prozess bis zum Ergebnis zu den Kriterien; im Bereich „Akzeptanz und Motivierung der Anwender/innen“ sind erkennbare Zwecke, und die Möglichkeit zur Partizipation beispielhaft als Kriterien zu nennen; schließlich im Bereich „wissenschaftliche Güte“ die Kriterien Validität, Reliabilität und Unparteilichkeit.
Die wichtigsten Antworten der 228 von insgesamt 308 befragten Experten (Rücklaufquote von 74 %) auf die Frage nach der professionellen Brauchbarkeit dieser Bereiche und Kriterien lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- 18 von 26 (69 %) Bereichs- und Einzelkriterien wurden auf einer 5er-Skala von (1 für sehr wichtig bis 5 für unwichtig) als sehr wichtig oder wichtig beurteilt, 7 weitere als fast ebenso wichtig. Insgesamt hielten die Experten also 25 von 26 Kriterien für irgendwie wichtig.
- Für die Vollständigkeit der abgefragten Kriterien spricht, dass insgesamt nur 6 Vorschläge für zusätzliche Kriterien gemacht wurden. Darunter waren z.B. der Nachweis der Wirksamkeit und Nützlichkeit des Verfahrens oder die "Veränderungs-Sensivität" des Verfahrens.
- 94 % der Experten berichteten über Konflikte zwischen den Bereichen. Die meisten Experten, nämlich 76 % der Befragten, sahen beispielsweise Kollisionen zwischen leichter Handhabung und wissenschaftlicher Güte sowie 74 % zwischen leichter Handhabung und sachlicher Vollständigkeit.
- Die Vereinbarkeit aller Bereiche bejahten lediglich 6 % der Experten.
- Unabhängig von den Berufsfeldern, Disziplinen und Arbeitsaufgaben gaben die Befragten fast identische Beurteilungsmuster an. Zu den wenigen Ausnahmen zählte, dass Krankenkassenakteure die Vollständigkeit und Reichweite für wichtiger hielten als Befragte aus der Forschung.
- Die meisten Befragten setzten die leichte, effiziente Handhabung der Qualitätssicherung an die erste, die wissenschaftliche Güte an die zweite und die Motivierung der Anwender an die dritte Stelle einer Wichtigkeitsskala. Weniger wichtig waren den Experten die sachliche Vollständigkeit/Reichweite und das Nutzungsspektrum des Verfahrens.
Die Wissenschaftler sehen durch die Ergebnisse dieser Befragung die „Validität und weitgehende Vollständigkeit der Literatur-gestützten Kriterien“ bestätigt. Für das künftige Austarieren der Anforderungen an die Leistungen eines Qualitätssicherungsverfahrens kommt man um diese Kriterien nicht mehr herum.
Dies gilt aber auch für ein anderes Ergebnis der Expertenbefragung: Die Befragten berichteten nämlich nahezu übereinstimmend „von erheblichen Problemen, diese Anforderungen bei der Gestaltung von Qualitätssicherung in Einklang zu bringen“, so dass „Kollisionen der Gestaltungsprinzipien die Regel, nicht die Ausnahme“ darstellen.
Von dem Aufsatz „Anforderungen an Qualitätssicherungsverfahren für Prävention und Gesundheitsförderung“ von T. Kliche, A. Elsholz, C. Escher, K. Weitkamp, J. Töppich und U. Koch, der in der Fachzeitschrift „ Prävention und Gesundheitsförderung“( Online 20. Juni 2009, DOI 10.1007/s11553-009-0172-2) erschienen ist, gibt es kostenlos lediglich ein Abstract:
http://www.springerlink.com/content/vv6614357346l924/?p=07fe059c521145d9852331fec7234296π=3
Seite erstellt am: 04.09.2009 13:56:00
Autor der Seite: Bettina Berg
Quelle: Autoren Gerd Marstedt, Bernhard Braun; Quelle: siehe Link