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Ergotherapie in Prävention und Gesundheitsförderung
Tatkraft in allen Lebensphasen - Prävention und Gesundheitsförderung in der Ergotherapie
BVPG: Herr Longrée, auf dem Ergotherapiekongress 2012 wurde mit dem diesjährigen Ergotherapiepreis zum zweiten Mal in Folge eine Abschlussarbeit zum Handlungsfeld "Prävention und Gesundheitsförderung" ausgezeichnet. Warum ist dieses Thema so bedeutend?
Aus Sicht des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e.V. stehen wir in einer Gesellschaft des glücklicherweise längeren Lebens vor zunehmenden Herausforderungen, denen wir mit Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung begegnen wollen. Ich betone: "glücklicherweise". Denn ich habe manchmal fast den Eindruck, dieses längere Leben wird einem zum Vorwurf gemacht.
Ergotherapeutische Ansätze zur Gesundheitsförderung und Prävention haben zum Ziel, es Menschen zu ermöglichen, selbständig und eigenverantwortlich ihre Teilhabe an der Gesellschaft wahrzunehmen. In der mit dem Ergotherapiepreis ausgezeichneten Abschlussarbeit wurde eine Bestandsaufnahme über schon vorhandene Konzepte der ergotherapeutischen Prävention und Gesundheitsförderung vorgenommen, aber auch ein gewisser Nachholbedarf deutlich. Denn Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten haben aufgrund ihrer Kompetenzen ein nicht zu unterschätzendes Potential in Gesundheitsförderung und Prävention, welches jedoch noch nicht immer entsprechend genutzt bzw. wahrgenommen wird.
BVPG: Welche Rolle können Ergotherapeuten und -therapeutinnen in Prävention und Gesundheitsförderung spielen?
Im Mittelpunkt der Ergotherapie steht das Handeln, als ein menschliches Grundbedürfnis. Die Art und Weise unseres alltäglichen Handelns und die Rahmenbedingungen dieses Handelns nehmen dabei Einfluss auf unser Wohlbefinden.
Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sind Experten darin, dass Handlungen und Umweltbedingungen so gestaltet werden, dass Klientinnen und Klienten aller Altersgruppen in die Lage versetzt werden, ihre persönlichen Ressourcen in der ihnen eigenen Weise gezielt zu nutzen. Dies kann die Arbeit mit einer Schulklasse umfassen, um das soziale Miteinander zu fördern, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung, um Menschen eine lange aktive Teilhabe am Erwerbsleben ohne gesundheitliche Einschränkungen zu ermöglichen, oder die Unterstützung von pflegenden Angehörigen, damit diese ihre Möglichkeiten, aber auch Grenzen in der Pflegetätigkeit erkennen.
BVPG: Und wie sieht eine gesundheitsfördernde oder präventive Maßnahme der Ergotherapie konkret aus? Welche Angebote gibt es bereits?
Neben zahlreichen Angeboten für Kinder, wie "Packesel - Nein Danke! Kindern den Rücken stärken" oder "…ganz schön stark!", einem Projekt mit ergotherapeutischer Beteiligung zur Sucht- und Gewaltprävention sowie Lebenskompetenzförderung kommt Ergotherapie zunehmend auch in Betrieben wie z.B. Volkswagen zum Einsatz.
Besonders hervorzuheben ist das Konzept "Tatkraft - Gesund im Alter durch Betätigung". Es ist aus einem Projekt des DVE hervorgegangen und unterstützt Menschen in Lebensübergangsphasen dabei, sich mit ihren persönlichen Betätigungsbedürfnissen auseinanderzusetzen und sich eventuell neu zu orientieren. Dies kann nach dem Verlust des Partners sein, oder auch beim Wechsel vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Da "tätig sein" ein menschliches Grundbedürfnis ist, kommt es gerade in solchen Übergangsphasen oft zu Problemen, denen wir mit diesem Konzept begegnen wollen. Mit der Implementierung wurde nun begonnen. Mit der begleitenden Evaluation beleuchten wir die Wirksamkeit und werden damit auch unserem Anspruch an Qualitätssicherung gerecht.
BVPG: Beim DVE gibt es seit 2011 den "Fachausschuss für Prävention und Gesundheitsförderung". Was sind die Aufgaben und Ziele dieses Gremiums?
Der jetzige Fachausschuss hatte einen fast 10-jährigen Vorlauf. Dieser führte beim DVE von Expertenrunden über einzelne Projekte bis hin zu einem gemeinsamen Projekt mit der Schweiz, Österreich und Südtirol, das vom europäischen Sozialfonds gefördert worden ist.
In diesem sogenannten DACHS-Projekt zur Ergotherapie in Prävention und Gesundheitsförderung wurde das ergotherapeutische Profil geschärft. Die Implementierung eines festen Gremiums verdeutlicht nun die Bedeutung der Thematik als festen Bestandteil der Ergotherapie neben Kuration, Rehabilitation, Palliativversorgung und Beratung.
Konkret unterstützt der Fachausschuss die Mitglieder des DVE bei ihren Vorhaben zur Prävention und Gesundheitsförderung, initiiert Projekte zur Weiterentwicklung der Ergotherapie in diesem Bereich, organisiert Fortbildungsveranstaltungen und bildet eine Plattform zum Austausch zwischen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die sich hier engagieren wollen.
BVPG: In welchen Bereichen sehen Sie die größten Herausforderung für Ergotherapeuten und -therapeutinnen gesundheitsfördernd aktiv zu werden?
Derzeit bedarf es leider oft noch großer Energie, um die Möglichkeiten der Ergotherapie in Prävention und Gesundheitsförderung zu etablieren. Unsere Kolleginnen und Kollegen sind vor Ort also oft Pioniere, die Kostenträger, Selbstzahler oder Firmen von ihrem Angebot überzeugen müssen. Dies gelingt zunehmend besser, da durch eine wachsende Anzahl an Veröffentlichungen natürlich auch zunehmend mehr Beispiele guter Praxis existieren, auf die man sich berufen kann.
BVPG: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview mit Arnd Longrée führte Dr. Beate Grossmann.
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Seite zuletzt geändert am: 20.06.2012 08:26:00, ursprünglich angelegt am: 19.06.2012 08:26:00
Autor der Seite: Dr. Beate Grossmann
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Bislang wird die Ergotherapie häufig mit rein kurativen Maßnahmen in Verbindung gebracht – sei es die Therapie motorischer Störungen nach einem Schlaganfall oder die Behandlung sensomotorischer Einschränkungen bei Kindern. Seit einigen Jahren widmet sich die Ergotherapie aber auch verstärkt der Prävention und Gesundheitsförderung. Im Interview skizziert Arnd Longreé, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e. V. (DVE), die Möglichkeiten der Ergotherapie, gesundheitsfördernd tätig zu werden.