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Serie zum Thema 'Körperliche Aktivität'


Dienstag, 18. September 2012

Bewegung im Alltag - Warum sind manche Menschen körperlich aktiv und andere nicht?


Mehr Bewegung, weniger Kalorien – das ist die scheinbar einfache Formel der Gewichtsabnahme. Doch was so einfach aussieht, bereitet den meisten große Schwierigkeiten. Warum ist das so? Antworten gibt das britische medizinische Fachjournal "The Lancet" in einer Serie zum Thema "Körperliche Aktivität". Die Beiträge und Studien betrachten nicht nur den vermeintlich "bequemen Einzelnen", sondern beziehen die Umwelt in die Überlegungen mit ein.

Ob sich Menschen viel bewegen oder nicht, hängt nicht nur von ihrer Persönlichkeit ab. Viele Umweltfaktoren beeinflussen das Aktivitätsverhalten: zum Beispiel die Art der Arbeit, der Arbeitsweg, das Einkommen, die Natur in der Umgebung und die Freizeitgestaltung. Der australische Professor für Public Health ("Öffentliches Gesundheitswesen") Adrian E. Bauman hat zusammen mit seinen Kollegen 16 Übersichtsarbeiten ("Reviews") analysiert, welche die einzelnen Faktoren genauer betrachten.


In Ländern mit hohem Einkommen lädt die Freizeit zur körperlichen Aktivität ein
Körperliche Aktivität hängt unter anderem von persönlichen Faktoren ab, wie zum Beispiel vom Geschlecht, dem Alter, der ethnischen Abstammung und dem sozioökonomischen Status. Außerdem lassen sich nach dem sogenannten "SLOTH-Modell" fünf "Domänen körperlicher Aktivität" bestimmen: Schlaf (Sleep), Freizeit (Leisure Time), Beruf (Occupation), Transportmittel/Wege (Transportation) und Aktivitäten zu Hause (Home-based Activities). Hierbei finden sich teilweise große Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind Arbeit, Haushalt und Arbeitswege mit relativ hoher körperlicher Aktivität verbunden. In Ländern mit hohem Einkommen sind viele Menschen fast nur noch in ihrer Freizeit körperlich aktiv.

Bei den persönlichen Faktoren sind der Gesundheitszustand und der Glaube an die Selbstwirksamkeit entscheidend für körperliche Aktivität. So können Schmerzen und Übergewicht die Motivation zu körperlicher Bewegung drastisch senken. Die Autoren stellten außerdem fest, dass die Faktoren "männliches Geschlecht", ein hoher Bildungsstand und "soziale Unterstützung" mit einer erhöhten körperlichen Aktivität zusammenhingen. Hingegen korrelieren eine hohe Stress- und Arbeitsbelastung sowie viele Arbeits- und Überstunden mit einer geringen körperlichen Aktivität. Wer sich jedoch in früheren Lebensphasen viel bewegte, bewegt sich auch mit zunehmendem Alter öfter.


Die Erforschung der Umweltfaktoren ist relativ neu
Erst vor etwa 10 Jahren hat man damit begonnen, Umweltaspekte in das Thema "Körperliche Aktivität" mit einzubeziehen. Die Forschungsbemühungen hierzu seien zur Zeit allerdings groß, so die Autoren. Klar zeigte sich bisher, dass eine gute Wege-Infrastruktur, eine geringe Verkehrsgeschwindigkeit, ein geringes Verkehrsaufkommen und nahegelegene Freizeiteinrichtungen mit einer erhöhten körperlichen Aktivität bei Kindern und Jugendlichen zusammenhingen. Bei Erwachsenen ist es wichtig, dass Einkaufsmöglichkeiten so nah sind, dass sie zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden können, wobei die Bürgersteige und Überquerungsmöglichkeiten sicher sein sollten.


Auch die Kultur spielt eine Rolle
Radfahren auf dem alten Klapprad kann lästig und beschwerlich sein. Ein 10-Gänge-Rad und eine schicke Ausrüstung können den Reiz des Radfahrens erhöhen. Sportliche Aktivität wird auch durch den Zeitgeist und die Kulturen bestimmt. Beispielsweise werden Chinesen und Ost-Asiaten körperlich aktiver, nachdem der Ruhestand begonnen hat.

Nicht zuletzt haben die Gene einen Einfluss auf die körperliche Aktivität. Der psychische und körperliche Gesundheitszustand, die Konstitution, das Belohnungssystem im Gehirn, die Schmerzempfindlichkeit und das Verlangen nach Bewegung sind auch genetisch festgelegt. Beispielsweise besteht ein Zusammenhang zwischen dem Leptinrezeptor, dem Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R) sowie dem Dopamin-2-Rezeptor und der körperlichen Aktivität. Das Gehirn bestimmt mit, wie groß der Appetit ist. Und eine Abnahme der Dopaminrezeptoren im Alter ist mit dafür verantwortlich, dass alte Menschen weniger körperlich aktiv sind.

Auch evolutionsbiologische Fragen tauchen auf: Wie kommt es, dass der Mensch, der eigentlich Bewegung braucht, sich eine Umgebung schafft, die wenig Bewegung zulässt? Die meisten Menschen gehen heute nicht mehr auf die Jagd, sondern die Lebensumstände haben sich so verändert, dass Bewegung nicht mehr direkt "lebensnotwendig" zu sein scheint. Der sitzende Mensch nimmt zu und bewegt sich dann aufgrund des Übergewichts weniger. Was bleibt, ist die Freizeit. Viele Studien schauten jedoch einseitig auf die sportliche Aktivität in der Freizeit, so die Autoren. Vermutlich sei der Blick auf die gesamte körperliche Aktivität wichtiger. Hier wartet noch viel Arbeit auf die Forscher. Der "innere Schweinehund" wird also kleiner - es ist nicht länger das "persönliche Versagen des Übergewichtigen", das für körperliche Inaktivität und Übergewicht verantwortlich gemacht wird. Durch diese Sichtweise wird sicher vielen Übergewichtigen eine Last genommen.



Quelle

Adrian E Bauman et al. (2012): Correlates of physical activity: why are some people physically active and others not? The Lancet, Volume 380, Issue 9838, Pages 258 - 271, 21 July 2012. doi:10.1016/S0140-6736(12)60735-1
Das Abstract des Artikels finden Sie hier.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier.




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Seite erstellt am: 18.09.2012 13:19:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos
Quelle: The Lancet






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