Welche Bedeutung haben psychische Erkrankungen?


Mittwoch, 29. Oktober 2014

Zwischen „Zivilisationskrankheit“ und „Modeerkrankung“


Traurige Frau schaut aus dem FensterWelche Bedeutung haben psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft? Welche Ursachen liegen ihnen zugrunde und wie lassen sie sich verhindern? Antworten auf diese Fragen gibt Dipl.-Psychologin Julia Scharnhorst, MPH und Leiterin des Fachbereichs Gesundheitspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP).

BVPG: Welche Bedeutung haben psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft? Welche Veränderungen lassen sich für die letzten Jahre aufzeigen?

Die Belastungen durch psychische Erkrankungen sind in den vergangenen Jahren gewachsen. Nicht nur die Betroffenen selbst leiden. Auch die Krankenkassen stellen seit ca. 20 Jahren steigende Fehltage wegen psychischer Erkrankungen fest. So stieg z.B. Daten der Techniker Krankenkasse zufolge die Zahl der Fehltage seit dem Jahr 2000 um 75 Prozent. Da psychische Erkrankungen oft zu langen Fehlzeiten führen, müssen entsprechende Therapiemöglichkeiten vorgehalten (und letztendlich von den Versicherten finanziert) werden. Auch die Arbeitgeber müssen so mit finanziellen Belastungen durch Krankengeld und Produktionsausfälle rechnen. Außerdem steigt die Zahl der Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Störungen.

Die Zahl der Erkrankten scheint allerdings nicht anzusteigen. Jedes Jahr leidet ca. ein Drittel der Bevölkerung unter mindestens einer psychischen Störung. An diesen Zahlen hat sich in den letzten 15 Jahren nichts Wesentliches verändert.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Depressionen als die Zivilisationskrankheit des 20. Jahrhunderts.


BVPG: Welche Ursachen sehen Sie für diese Entwicklung?

Aufgrund des gestiegenen Interesses der Öffentlichkeit an diesem Thema, ist Burnout fast zur „Modeerkrankung" geworden. Auch dadurch, dass immer mehr Prominente sich öffentlich dazu geäußert haben. Das hat zu einer Enttabuisierung psychischer Erkrankungen beigetragen, Betroffene können sich eher zu ihrer Erkrankung bekennen. Sie suchen schneller mit solchen Beschwerden Unterstützung auf. Das spiegelt sich dann in steigenden Fehlzeiten wider.

Es gibt inzwischen mehr Wissen über die Zusammenhänge zwischen Lebens- und Arbeitsbedingungen und psychischen Erkrankungen. Wir haben uns in unserer modernen Gesellschaft Lebensbedingungen geschaffen, die die menschlichen Kapazitäten für die Verarbeitung von Informationen, Eindrücken und Kontakten überfordern. Immer mehr Menschen leiden unter den steigenden Ansprüchen an Effektivität, Flexibilität und dauernder Erreichbarkeit, besonders in der Arbeitswelt.


BVPG: Welche präventiven Möglichkeiten bietet die Psychologie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Die Psychologie kann sehr viel zur Prävention psychischer Erkrankungen beitragen:

  • So hat sie Maßnahmen zur Prävention psychischer Störungen und Gesundheitsförderung für alle Altersstufen entwickelt, z. B. zum günstigen Umgang mit Stress oder zur Förderung von Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit gegenüber psychischer Belastung.
  • Die Psychologie kann auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungen fachliche Informationen für einzelne Betroffene, die große Öffentlichkeit, die Politik, die Fachwelt und für Verantwortliche in der Arbeitswelt zur Verfügung stellen.
  • Die Psychologie kann zu gesundheitsförderlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in verschiedenen Branchen und Umfeldern beraten, z.B. zu gesundheitsförderlichen Schulen oder Betrieben (betriebliche Gesundheitsförderung).
  • Die Psychologie kann durch Schulung und Fortbildung für andere Berufsgruppen dazu beitragen, dass psychische Störungen z.B. in der Schule oder im Berufsleben möglichst vermieden und ggf. früh erkannt werden.
  • Psychologinnen und Psychologen können Angehörige von Betroffenen unterstützen und beraten, damit diese wissen, wie sie sich günstig verhalten und selbst nicht krank werden.
  • Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendtherapeuten können durch ihre Diagnostik dazu beitragen, dass psychische Störungen frühzeitig erkannt und behandelt werden.
  • Psychotherapeutinnen und -therapeuten können psychische Erkrankungenbehandeln, lindern und im besten Fall heilen, entweder ambulant oder in Kliniken.

BVPG: Vielen Dank für das Interview!




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Seite zuletzt geändert am: 29.10.2014 08:36:00, ursprünglich angelegt am: 29.10.2014 14:36:00
Autor/-in der Seite: Ann-Cathrin Hellwig