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Kongressbericht GesundLernen
Bericht über den Kongress "GesundLernen in Kindertagesstätten und Schulen" (2. Kongress des Deutschen Forums Prävention und Gesundheitsförderung am 25./26. Oktober 2005 in Berlin)
Von Melanie Bestmann (Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V.) und Dr. Harald Lehmann (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)
Am 25./26. Oktober 2005 fand in Berlin der 2. Kongress des Deutschen Forums Prävention und Gesundheitsförderung (DFPG) statt. Mit dem Thema "GesundLernen in Kindertagesstätten und Schulen" haben die Veranstalter - das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) " die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Bildung und Gesundheit angesprochen. Rund 500 Teilnehmer/innen diskutierten unter verschiedenen Perspektiven Probleme und Lösungsmöglichen für die Verbesserung der gesundheitlichen Situation und der Bildung von Kindern und Jugendlichen in Kindertagesstätten und Schulen. Die Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V. (GVG) wurde mit der Konzeption, Planung und Organisation des Kongresses beauftragt.
Eröffnung und Impulsreferate
Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, begrüßte die Teilnehmer und eröffnete den Kongress mit den Worten "Gesunde Kinder lernen besser!". Er betonte die Bedeutung der Prävention im Gesundheitswesen und bestätigte den politischen Willen, die Prävention als 4. Säule des Gesundheitssystems auszubauen. Prävention als Gemeinschaftsaufgabe brauche die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Sektoren, hier entsprechend dem Kongressthema "GesundLernen", zwischen dem Bildungs- und dem Gesundheitssektor. Hier werden erhebliche Entwicklungspotentiale für die Prävention gesehen.
Der Vortrag von Prof. Dr. Matthias Jerusalem (Humboldt-Universität zu Berlin) zur Gesundheitsförderung als Lernziel und als Lernvoraussetzung, die Ausgangsanalysen von Prof. Dr. Bärbel-Maria Kurth (Robert Koch Institut) und Dr. Elisabeth Pott (BZgA) zur gesundheitlichen Situation und von Prof. Dr. Wolfgang Böttcher (Universität Münster) zur Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen schufen die Grundlage und stellten die strategischen Fragen für die Diskussion zur Verstärkung der positiven Wirkungen zwischen Bildung und Gesundheit. Der Erfahrungs- und Wissensaustausch wurde durch Podiumsdiskussionen und Diskussionen in den Arbeitsgruppen zu Theorie und Praxis der Bildungs- und Gesundheitsarbeit erweitert und vertieft.
Diskussion zur Präventionsgesetzgebung
Im Podium des ersten Kongresstags wurde die Präventionsgesetzgebung als Rahmen und Unterstützung für die Gesundheitsförderung in Kindergärten und Schulen von Dr. Petra Drohsel (Leiterin der Gruppe Prävention im BMG), Dr. Uwe Prümel-Philippsen (Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Forums Prävention und Gesundheitsförderung), Rolf Stuppardt (Vorsitzender des IKK-Bundesverbands), Anne Jenter (Abteilungsleiterin beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und Dr. Hermann Schulte-Sasse (Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz) diskutiert.
Vor dem Hintergrund eines noch immer gering ausgeprägten Präventionsbewusstseins und entsprechend geringer Investitionen in Prävention wurde die Notwendigkeit einer breiten und gesicherten Finanzierung betont, eine Verstärkung der Zusammenarbeit der Akteure auf und zwischen den verschiedenen Ebenen gefordert sowie ein gezieltes und qualitätsgesichertes Vorgehen in den Programmen und Maßnahmen angemahnt. Ein Präventionsgesetz, das diese Punkte aufgreift, wurde - trotz unterschiedlicher Auffassungen über den Nachbesserungsbedarf zum vorliegenden Entwurf " begrüßt. Den Akteuren, gerade im Bereich der Gesundheitsförderung in Kindergärten und Schulen, könnte so mehr Handlungssicherheit gegeben werden.
Ergebnisse und Forderungen aus 15 Arbeitsgruppen
Die AG "Mit Qualität!" verlangte mehr Transparenz bei den angewandten Qualitätssicherungsverfahren. Kooperationen zwischen den Entwicklern solcher Verfahren seien ebenso notwendig wie die Unterstützung von Anwendern und die kontinuierliche Überprüfung der Wirksamkeit der Verfahren. Die vertretenen Experten vereinbarten eine intensivere Zusammenarbeit.
Die AG "Gleiche Chancen" nannte Gesundheitsförderung eine Voraussetzung zur Chancengleichheit. Sie forderte die bundesweite Initiierung wirkungsvoller, evaluierter Konzepte mit dem Fokus auf Ressourcenbündelung und Vernetzung sowie ressort-, handlungs- und trägerübergreifende Präventionsmaßnahmen zur strukturellen Armutsbekämpfung und Kinderförderung.
Die AG "GesundBilden" beschäftigte sich mit den Möglichkeiten der Gesundheitsförderung und konkreten Praxisbeispielen und stellte heraus, dass zum gesunden Lernen und Bilden im Gesamtsystem Schule Qualitätsentwicklung und konstruktive Kooperationen mit außerschulischen Partnern erforderlich seien.
Im Fokus der AG "Mit Köpfchen und Konzept - Gemeinsam den gesunden Lernalltag managen" stand die Feststellung, dass erfolgreiche Gesundheitsförderung im Setting als Prozess angelegt sein müsse. Dieser Prozess sollte notwendigerweise von den einzelnen Einrichtungen gewollt und gesteuert werden. Externe Kooperationspartner benötigen Qualifikationen für die Beratung sowie Begleitung des Prozesses.
Die AG "Psychisch gesund werden und bleiben" verlangte die Implementierung und Verbreitung wirksamer Präventionsprogramme gegen psychische Störungen. Sinnvoll sei eine Verbindung mit einem Organisationsentwicklungsansatz, der die Bedingungen für die Förderung der psychischen Gesundheit verbessert.
Die AG "Trotz belastender Familiensituationen" empfahl keine Sonderprogramme sondern die Professionalisierung der pädagogischen Arbeit. Im Kontext belastender Familiensituationen sei es elementar, weitere Hilfebedarfe zu erkennen und Hilfesysteme zu vernetzen.
Die Kernaussage der AG "Mit Sicherheit!" war der Ruf nach Informationen zu konkreten Angeboten, Methoden und Instrumenten als Voraussetzung für die Befähigung von Individuen und Organisationen, den Sicherheitsgedanken umzusetzen. Eine starke ressortübergreifende Vernetzung mit relevanten Akteuren im Setting Schule sei zur Erreichung der Ziele notwendig.
In der AG "Im pädagogischen Alltag" stand fest, dass die Gesundheitsförderung als Beitrag zur Verbesserung der Bildungsqualität verpflichtender Bestandteil aller Lehramtsstudiengänge werden muss.
Die AG "Zu Hause " Familien als Partner" fasste ihre Diskussionen durch die Feststellung "Eltern müssen vernetzt da abgeholt werden, wo sie mit ihren Kompetenzen stehen" zusammen.
Die Quintessenz der AG "Vorsorgen", in der es um die Rolle der Kinder- und Jugendmedizin bei der Gesundheitsförderung ging, hieß "Risiken vermeiden und Ressourcen aktivieren mit den gebündelten Kräften aus Medizin und anderen Professionen".
Die zentrale Frage der AG "Ohne Moos doch was los!" drehte sich um notwendige Rahmenbedingungen für kommunale Gesundheitsförderung. Als Handlungsgrundlage wurde eine sozialraumbezogene kommunale Gesundheitsberichterstattung und als Know-how-Transfer eine Kommunikations- und Interaktionsplattform gefordert.
Die AG "GesundEssen" diskutierte Bedingungen für gesunde Ernährung. Mit Hilfe von verbindlichen Qualitätsstandards sollten Verpflegungsangebote bewertet und verbessert werden. Öffentlich geförderte Beratungsnetzwerke sollten ausgebaut werden, damit für alle Schichten Zugänge zur Ernährungsberatung möglich sind.
Die AG "Durch Bewegung lernen" stellte die Bewegungsförderung als unabdingbare Voraussetzung für gesundes Lernen in den Vordergrund. Kinder brauchen diesbezüglich allerdings eine tatkräftige Lobby.
Abschlussdiskussion
Unter Einbeziehung der Statements von Leiterinnen und Leitern der Arbeitsgruppen wurden von der Podiumsrunde Maria Lingens (AWO Landesverband Berlin), Elisabeth Müller-Heck (Kultusministerkonferenz), Prof. Dr. Peter Paulus (Universität Lüneburg), Dr. Claus Weth (Gesunde-Städte-Netzwerk) und Karin Ronneberger (Schulleiterin der Grundschule am Hollerbusch/Berlin Hellersdorf) folgende Schlussfolgerungen gezogen und Empfehlungen gegeben.
1. Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule muss und kann verbessert werden.
Die Ansätze für gesundheitsförderliche Aktivitäten sollten in den jeweiligen Einrichtungen erfolgen und nicht von außen vorgegeben sein. Sie sollten sich im Wesentlichen orientieren am Alltag der Kinder/Schüler, der Erzieher/Lehrer und der Eltern. Die Bearbeitung identifizierter Aufgaben sollte anknüpfen an Abläufe, Verfahren und Arbeitsweisen, die gut laufen " also an den Stärken der Organisation. Mittelfristiges Ziel eines Gesundheitsföderungsprozesses ist es, in den jeweiligen Einrichtungen eine Kultur für Gesundheit zu entwickeln. Diese Kultur für Gesundheit drückt aus, dass die Gesundheit als immanentes Ziel eine wesentliche Bedingung ist, die Primäraufgaben der Einrichtung - nämlich Erziehung und Bildung - besser erfüllen zu können.
2. Die Nachhaltigkeit muss durch strukturelle Verankerung der Gesundheitsförderung und Vernetzung der Akteure gestärkt werden.
Die Kompetenzen und Ressourcen der Einrichtung sind das zentrale Element auf dem Weg zu einem gesunden Kindergarten, zu einer gesunden Schule. Sie sind allerdings nicht immer ausreichend, um nachhaltige Erfolge zu erzielen. Es gilt daher Strukturen zu schaffen, die Kindergärten und Schulen vor Ort begleiten auf dem Weg zu einer gesundheitsförderlichen Einrichtung. Diese Strukturen " gefördert von den Kommunen, den zuständigen Trägern aber auch von den Sozialversicherungen, hier insbesondere den Krankenkassen, und von privaten Geldgebern " sollen das gesundheitsförderliche Handeln in Kindergärten und Schulen erleichtern. Um das Thema der settingbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention auf der regionalen und kommunalen Agenda zu behalten, wurde eine entsprechende Berichterstattung an die (politischen) Entscheidungsträger empfohlen.
3. Die Qualität kann durch mehr Transparenz und durch Qualifikation gesteigert werden.
Die Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule ist soweit entwickelt, dass eine Vielzahl von Modellprojekten abgeschlossen ist und Erfahrungen vorliegen, die es richtig erscheinen lassen, jetzt in die Fläche zu gehen. Eine "Projektitis", d.h. ein Auflegen immer weiterer Modelle, wird abgelehnt zugunsten einer strukturierten Zusammenführung von Ergebnissen und Erkenntnissen zur Schaffung von mehr Transparenz und zur Generierung von lehr- und lernbaren Wissensbeständen.
4. Die Wirksamkeit der Gesundheitsförderung kann durch Evaluation und Qualitätssicherungsverfahren gesichert werden.
Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule ist eine rentable Investition. Damit dieser Grundsatz nicht ein Glaubenssatz bleibt, sollten Evaluationen der eingeleiteten Prozesse selbstverständlich sein. Die Einrichtungen selbst sollten dabei festlegen, welche Formen der Evaluation ihrer Situation angemessen sind. Empfohlen wird allerdings, die Evaluation nicht allein auf die Ergebnisse (Outcome-Evaluation) zu beschränken, sondern Konzept-, Struktur- und Prozess-Evaluationen ebenso zu berücksichtigen. Der "Public Health Action-Zyklus" kann als das Grundmodell für integrierte Qualitätssicherung in dem angestrebten Entwicklungsprozess angesehen werden.
Zusammenfassung
Frau Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA, beendete die gelungene Veranstaltung und wies zusammenfassend nochmals auf die notwendige Verstärkung der Gesundheitsförderung in sozialen Brennpunkten, die Sicherung der Nachhaltigkeit durch strukturelle Verankerung, Vernetzung und Koordination, die Verbesserung der Qualität durch Kompetenzentwicklung, Erfahrungstransfer und Qualifikation sowie die Sicherung der Wirksamkeit durch Evaluation und Qualitätssicherung hin.
Seite erstellt am: 20.01.2006 10:38:00
Autor der Seite: Bettina Berg
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