Montag, 26. Januar 2009
Nach der Bandscheiben-OP: Bewegen oder nicht bewegen?
Nach einer Bandscheiben-Operation stellt sich die Frage, wie die Operierten wieder zu ihren Alltagsaktivitäten zurückfinden können.Während manche der behandelnden Ärzte wegen der von ihnen befürchteten Risiken für die Genesung eine längere Ruhephase für geboten halten, fordern andere Therapeuten eine möglichst frühe Reaktivierung der PatientInnen und entsprechende Rehabilitationsangebote. Ein aktualisierter Rewiew gibt nun Antworten.
Die Frage, wie die Alltagsmobilität wieder erlangt werden kann, stellt sich insbesondere für die 10 bis 40 % der operierten Personen, bei denen die Operation zu keiner sofortigen Verbesserung ihrer Symptome (z.B. Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit) geführt hat oder gar jene 3 bis 12 % der Patienten, die z.B. einen erneuten Bandscheibenvorfall erleiden und eine weitere Operation benötigen.
Wie in vielen anderen Therapiefeldern gab es aber für beide Strategien bisher wenig wissenschaftliche Evidenz. Einem Teil dieses Blindflugs für Therapeuten wie Patienten macht jetzt der am 8. Oktober 2008 aktualisiert erschienene Review „Rehabilitation after lumbar disc surgery“ der Cochrane Reviewer Group um RW Costelo für die an einer Bandscheibe im Lendenwirbelbereich operierten PatientInnen ein Ende.
In dem Review von 14 randomisierten kontrollierten Studien mit 1.927 TeilnehmerInnen zwischen 18 und 65 Jahren (darunter aber nur 7 Studien bei denen Verzerrungen ausgeschlossen werden konnten) wurden drei unterschiedliche Therapien verglichen: bewegungsorientierte Trainingsprogramme mit keiner Behandlung, Intensiv-Programme mit Programmen geringer Intensität und Trainingsprogramme unter ständiger fachlicher Aufsicht oder Anleitung mit Heim-Trainingsprogrammen. Die untersuchten Trainingsprogramme starteten fast alle vier bis sechs Wochen nach der Operation und dauerten zwischen zwei Tagen und 12 Monaten. Über die Wirkungen der Programme, die sofort nach der Operation starteten, gibt es nur sehr wenig Untersuchungen und daher keine verlässlichen Erkenntnisse.
Generell beklagen sich die Reviewer wie in vielen anderen Bewertungen der Forschungslage über die Wirksamkeit und den Nutzen von Therapien über die niedrige Qualität selbst der noch relativ besten Studien.
Trotzdem kommen sie zu einigen bedeutsamen Erkenntnissen:
- Patienten, die an irgendeinem der Trainings- oder Bewegungs-Programme teilnahmen, litten kurzfristig etwas weniger an Schmerzen und Behinderungen als die Patienten ohne eine derartige Behandlung.
- Patienten, die an sehr intensiven Bewegungs-Programmen teilnahmen hatten ebenfalls schon in kurzer Zeit weniger Schmerzen und Behinderungen als TeilnehmerInnen an Programmen mit niedriger Intensität.
- Keine statistisch signifikanten Unterschiede beim Auftreten von Schmerzen oder Behinderungen gab es zwischen TeilnehmerInnen an fachlich geführten oder zu Hause in Eigenregie durchgeführten Übungs-Programmen.
- In keiner der untersuchten Studien fanden sich Anzeichen, dass irgendein aktivierendes Programm zu einer erhöhten Re-Operationsrate geführt hätte. Daraus ist zu schließen, dass es keine negativen Folgen hat, wenn Bandscheibenoperierte nach ihrer Operation so schnell wie möglich wieder aktiv sind und längere passive Phasen nach der Operation nicht notwendig sind.
- Auch wenn unglücklicherweise in fast allen Studien über häusliche oder angeleitete Trainingsprogramme nicht danach geschaut wurde, ob und wie lange die TeilnehmerInnen sich an das Trainings-Schema halten, gibt es in einer Studie über häusliche Programme Hinweise auf eine gewisse Non-Compliance: So hielten sich in dem untersuchten Fall nach zwei Monaten nur noch 50 bis 60 % der TeilnehmerInnen an die vereinbarten Therapieziele. Dieser Anteil fiel nach 6 von 12 Monaten auf 30 %. Offensichtlich muss eine Langzeit-Rehabilitation stärker begleitet und ihre Teilnehmerinnen intensiver motiviert werden. In einer Untersuchung beschleunigte der sehr frühe Einsatz eines so genannten „medical adviser“ des Sozialversicherungsträgers die Rückkehr der so betreuten Versicherten in die Arbeit beträchtlich.
- Die allerdings wiederum nur einzige Studie, welche die Wirkung eines bio-psychosozialen Programms mit der eines normalen physiotherapeutischen Programms verglich, zeigte keine qualitativen Unterschiede. Dies gilt auch für die Ergänzung des normalen Bewegungs-Programms um neurale Mobilisierung, die weder kurz- noch langfristig zusätzliche Wirkung auf Schmerzen und Beweglichkeit zeigte.
- Dafür, ob jeder Patient mit einer Bandscheibenoperation an einem der genannten Rehabilitations-Programme teilnehmen soll oder nur diejenigen welche nach vier oder sechs Wochen noch Symptome wie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen aufweisen, liefert aber auch dieser Review keine evidenten Erkenntnisse.
Ein ausführliches Abstract des Cochrane-Reviews „Rehabilitation after lumbar disc surgery“ (Cochrane Database Systematic Review 8. Oktober 2008; [4]: CD003007) von Ostelo, Costa, Maher, de Vet und van Tulder gibt es
hier kostenlos. Die komplette PDF-Fassung des Review umfasst 46 Seiten und kann nur kostenpflichtig eingesehen und heruntergeladen werden.
Seite zuletzt geändert am: 26.01.2009, ursprünglich angelegt am: 22.01.2009 14:00:00
Autor der Seite: Gerd Marstedt, Bernard Braun
Quelle: siehe Link