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Einfluss von Rauchverboten auf Umsatz


Montag, 7. Juni 2010

Wirtschaftliche Verluste im Gaststättengewerbe durch Rauchverbote geringer als befürchtet


BiergartenDie in den deutschen Bundesländern eingeführten Rauchverbote haben kurzfristig und anders als in anderen Ländern (z.B. den USA mit einer allerdings geringeren Raucherquote) zu Umsatzeinbußen im Gastgewerbe geführt. Diese fielen jedoch schwächer aus als von vielen Gastwirten befürchtet. Zusammen mit der 2007 eingeführten elektronischen Alterserkennung sorgten die Rauchverbote in der Gastronomie auch für sinkende Umsätze an Zigarettenautomaten. Zu diesen Ergebnissen kommen drei Untersuchungen des „Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI)“ in Essen rund um das Thema „Rauchen“ auf Grundlage unterschiedlicher Daten.

Die zwischen August 2007 und Juli 2008 auf Bundesländerebene eingeführten Rauchverbote im Gastgewerbe haben zu einem durchschnittlichen Umsatzrückgang von rund zwei Prozent geführt (Kvasnicka Michael, Harald Tauchmann 2010a). Dieser Wert bleibt auch bei einer Variation der Modellannahmen der statistischen Analyse fast unverändert. Vor allem kurz nach Inkrafttreten der Rauchverbote kam es zu Umsatzeinbußen. Diese scheinen sich jedoch mit der Zeit abgeschwächt zu haben. In Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo das Rauchverbot durch die Gründung so genannter „Raucherclubs" umgangen werden konnte, kam es zu keinem nachweisbaren Umsatzrückgang. Dort wo es „Raucherclubs" gab, stieg der Umsatz sogar signifikant an. Auswertungen von Gewerbeabmeldungen im Gastgewerbe lieferten keine belastbaren Hinweis darauf, dass die Rauchverbote zu vermehrten Betriebsaufgaben führten. Für die Untersuchung wurden Gewerbeanzeigen in den Ländern und die auf Bundesländerebene zusammengefassten monatlichen Umsatzdaten von rund 10.000 Betrieben im Gastgewerbe zwischen Januar 2007 und September 2008 ausgewertet. Wegen der in amtlichen Statistiken zur Umsatzentwicklung in der Regel nicht erfassten Betriebe mit einer Gesamtbelegschaft von unter 20 Personen, könnten die Auswirkungen der Rauchverbote auf die Umsätze in dieser Studie unterschätzt worden sein. Da aber 14 % der Gastgewerbebetriebe, deren Entwicklung in der Studie näher betrachtet wurde, zu der Kategorie Bars und Pubs gehören, sind mit Sicherheit auch Betriebe mit 20 oder etwas mehr Beschäftigten und nicht nur deutlich größere Betriebe vertreten.

Ob und um wie viel Studien auf der Basis amtlicher Statistiken die wirtschaftlichen Folgen des Rauchverbots für die Gesamtheit aller Gastgewerbebetriebe möglicherweise unterschätzen, zeigt eine weitere Studie (Kvasnicka Michael, Harald Tauchmann 2010b) des RWI in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Essen und mit Unterstützung durch die IHK Nürnberg von Juni 2008. In ihr wurden insgesamt 7.900 Betriebe, davon 2.900 in Nordrhein-Westfalen, 2.839 in Bayern und 2.161 in Berlin, angeschrieben und gebeten einen sehr kurzen Fragebogen zum Thema zu beantworten. Für Essen und Nürnberg entspricht dies praktisch einer Vollerhebung, was sichern sollte, dass auch kleinste und kleine gastgewerbliche Betriebe angesprochen wurden und antworten konnten. Der Rücklauf von 617 ausgefüllten Fragebögen – 181 aus Bayern, 241 aus Berlin, 195 aus NRW war aber extrem gering und führt mit Sicherheit ebenfalls zu verzerrten Ergebnissen. Zu vermuten ist, dass Gastwirte, die sich besonders vom Rauchverbot betroffen fühlen, überproportional antworten. Es dürfte sich dabei um eher kleine Bars oder Kneipen handeln, die Ergebnisse überzeichnen daher vermutlich die tatsächlichen Effekte. In Bayern, also einem Bundesland, das zum Befragungszeitpunkt das schärfste Rauchverbot praktizierte, war zum Beispiel unter den stärker vom Rauchverbot betroffenen Bars und Kneipen die Teilnahmebereitschaft etwa zweieinhalb mal höher war als in der vergleichsweise gering betroffenen speisegeprägten Gastronomie.

Wenn man die Ergebnisse entsprechend korrigiert, berichten in Bayern noch 44% und nicht 70 % von sinkenden Umsätzen, in NRW erwarteten 55% statt 80 % Einbußen.

Der Vergleich zwischen den Bundesländern zeigt zudem, dass die Effekte der Rauchverbote im Vorfeld systematisch überschätzt wurden. In Bayern, wo das Rauchverbot zum Zeitpunkt der Befragung bereits galt, berichteten, wie bereits erwähnt, etwa 70 % der Gastwirte von erlittenen Umsatzeinbußen. In NRW, wo das Rauchverbot erst nach der Befragung in Kraft trat, erwarteten hingegen nahezu 80% der Gastwirte einen Rückgang der Umsätze. Auch die Ablehnung des Rauchverbots durch die Gäste fiel in NRW mit 63% höher aus als in Bayern mit 54%, wo schon Erfahrungen mit einem realen Rauchverbot vorlagen.

Die paradoxe Situation, dass in Bayern – also einem Bundesland mit tatsächlichem Verbot – die Zustimmung zum Verbot noch am größten ausfällt, in Nordrhein-Westfalen, in dem es zum damaligen Zeitpunkt noch gar kein Verbot gab, dagegen am geringsten, kann nach Meinung der Forscher „als Hinweis darauf gedeutet werden, dass sich die Gäste trotz anfänglichen Unmuts mit der Zeit an Rauchverbote in der Gastronomie gewöhnen werden und ihnen eventuell auch positive Seiten abgewinnen können." Schließlich gibt es auch Hinweise, dass ein Teil des Rückgangs beim Besuch von Bars oder Restaurants auch etwas mit der im Befragungszeitraum schlechter werdenden wirtschaftlichen Lage der BesucherInnen zu tun hat.

Die aus Sicht der Gastronomen beste Lösung zum Nichtraucherschutz ist mit weitem Abstand die Wahlfreiheit zwischen Raucher- und Nichtraucherbetrieb, gefolgt vom Rauchverbot ohne Ausnahmen und den bestehenden Nichtraucherschutzgesetzen.

Eine dritte RWI-Studie (Kvasnicka 2010) zu den Auswirkungen der Rauchverbote auf Länderebene zeigt, dass diese in der Gastronomie zu einem Umsatzrückgang auch an Zigarettenautomaten geführt haben. Zu weitaus stärkeren Umsatzrückgängen an Zigarettenautomaten führte jedoch die Einführung der elektronischen Alterskennung im Januar 2007. Sie hält offenbar nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene vom Zigarettenkauf an Automaten ab. Am stärksten fielen die Umsatzeinbußen an im Freien aufgestellten Automaten aus. Insgesamt sank der Zigarettenkonsum in Deutschland in der gleichen Zeit deutlich weniger stark, verlagerte sich also offenbar hin zu anderen Verkaufspunkten. Die Anhebung des Mindestalters für den Erwerb und Konsum von Zigaretten von 16 auf 18 Jahre sowie das bundesweite Rauchverbot in Einrichtungen des Bundes im September 2007 führten zu nur schwach oder überhaupt nicht nachweisbaren Umsatzveränderungen.

Grundlage dieser Untersuchung ist eine Analyse der monatlichen Umsatzdaten von Januar 2006 bis August 2008 eines führenden Zigarettenautomaten-Aufstellers in Deutschland auf Bundesländerebene. Damit wurden erstmalig umfassende Umsatzdaten von Zigarettenautomaten wissenschaftlich ausgewertet. Diese Daten ermöglichten eine erste Wirkungsanalyse der Alterskennung an Automaten, des bundesweiten Rauchverbots in Einrichtungen des Bundes und der jüngsten Erhöhung des Mindestalters für den Erwerb und Konsum von Zigaretten in Deutschland.


Alle Studien sind auf der RWI-Homepage kostenlos erhältlich:

Kvasnicka Michael, Harald Tauchmann (2010a): Much Ado About Nothing? – Smoking Bans and Germany’s Hospitality Industry. Ruhr Economic Papers #172, Bochum, Essen. Sie finden die Publikation hier.

Kvasnicka Michael (2010): Public Smoking Bans, Youth Access Laws, and Cigarette Sales at Vending Machines. Ruhr Economic Papers #173. Bochum, Essen. Sie finden die Publikation hier.

Kvasnicka Michael, Harald Tauchmann (2010b): Eine Befragung von Gastronomiebetrieben zur Einführung von Rauchverboten im Gastgewerbe: deskriptive Ergebnisse. RWI : Materialien, Heft 58. Sie finden die Publikation hier.



Seite erstellt am: 07.06.2010 13:17:00
Autor/-in der Seite: Felix Lüken
Quelle: Dr. Bernard Braun, Dr. Gerd Marstedt