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Startseite : IN FORM : Lebensmittel-Kennzeichnung
Lebensmittel-Kennzeichnung
Kennzeichnungen von Lebensmittel-Produkten - Wer nutzt und wer versteht sie?
Das Europäische Parlament hat am 16.6.2010 unter massivem Druck vieler großer Hersteller von Lebensmitteln die vielfach gewünschte und auch für hilfreich und wirksam gehaltene Ampelkennzeichnung von Lebensmittelprodukten verworfen und damit im Kern die alte Kennzeichnungsform über den Nährwertgehalt verpflichtend erhalten. Mit der verpflichtenden umfangreichen Nährwertkennzeichnung (vor allem über den Energiegehalt, Fette, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz) in gut lesbarer Form auf der Vorderseite der Verpackung sollen, so die erfolgreichen Antragsteller, Verbraucher eine gut überlegte Wahl treffen können, während gleichzeitig die administrativen und finanziellen Auswirkungen für die Lebensmittelbranche so weit wie möglich eingegrenzt werden.
Damit haben sich die Europaparlamentarier nicht nur über mehrere Voten der Bevölkerungsmehrheit für eine Ampelkennzeichnung (u.a. in Deutschland) und deren erfolgreiche Praxis in Großbritannien hinweg gesetzt (siehe dazu die Beiträge im DIW-Wochenbericht 22/2010), sondern auch die nachgewiesene eingeschränkte Wirksamkeit der alten und neuen Kennzeichnung ignoriert.
Gemeint ist damit die aktuelle Studie eines dänisch-belgischen
Forschungsteams, die in sechs Ländern Europas (darunter auch in Deutschland bei
1.963 Personen) überprüft hat, wer sich auf Lebensmittel-Produkten überhaupt
die Kennzeichnungen anschaut (Kalorien, Fett, Zucker usw.) und wie viel davon
von den Konsumenten verstanden wird. In der Studie wurde zum einen das
Produktauswahlverhalten von Verbrauchern bei sechs Produktkategorien durch
teilnehmende Beobachtung in Supermärkten erhoben. Dies wurde durch Interviews
mit Verbrauchern ergänzt, in denen auch eine Reihe von sozioökonomischen
Merkmalen sowie der Kenntnisstand über Lebensmittel und das Interesse an
gesundem Essen erhoben wurden.
Die Ergebnisse sind klar und eindeutig:
- Nur
jeder siebte Käufer schaut sich überhaupt die Kennzeichnung an.
- Das
Verständnis für die Information über die Menge an Stoffen, die man mit dem
Verzehr des Lebensmittel für seinen Tagesbedarf an Fetten, Kohlehydraten oder
Eiweiß aufnimmt (so genannte "guideline daily amount" - GDA) ist in den Ländern
unterschiedlich hoch, in Großbritannien, in Schweden und Deutschland höher als
in Polen, Ungarn, Frankreich.
- In
multivariaten Analysen, die den Effekt unterschiedlicher Einflussfaktoren
gleichzeitig berücksichtigen, zeigte sich: Großen Einfluss auf das Verständnis
und die Nutzung der GDA-Informationen besaßen zusätzlich zu länderspezifischen
Einflüssen der sozio-ökonomische Status, aber auch das Interesse an gesunder Ernährung
und das Wissen über Nahrungsmittel und Effekte des Ernährungsverhaltens.
Die Ergebnisse der Studie weisen aber darauf hin, dass
unabhängig von der Weiternutzung und Weiterentwicklung der Kennzeichnung von
Lebensmitteln in den öffentlichen Debatten auch die unterschiedliche Bedeutung
des Ernährungsverhaltens in verschiedenen Subkulturen und sozialen Schichten
berücksichtigt werden muss.
Ungeklärt lässt diese Studie allerdings, ob sich die
gelesene Information auf die Auswahl der Lebensmittel auswirkte und
insbesondere den Anteil für gesund erachteter Lebensmittel erhöhte. Unbekannt bleibt weiterhin, ob die
Kennzeichnungsinformationen Einfluss auf die Planung der Ernährung und die
Einkaufsplanung haben.
Die Ergebnisse der Studie "Use and understanding of
nutrition information on food labels in six European countries" von Klaus G.
Grunert et al finden sich im "Journal of Public Health (2010; 18:261-277). Sie erhalten sie kostenlos hier.
Einen kompakten Überblick zu weiteren, allerdings zum Teil widersprüchlichen Studien über die Akzeptanz und Nutzung der alten und neuen Nährwerttabellen-Kennzeichnung und die Alternative der Ampelkennzeichnung, liefern zwei Beiträge im Wochenbericht 22/2010 des "Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)" vom 2. Juni 2010: "Nährwertkennzeichnung: Die Ampel erreicht die Verbraucher am besten" von Kornelia Hagen und "Hintergrund: Nährwertkennzeichnung heute Was Verbraucher wollen - und was sie verstehen".
Seite erstellt am: 06.07.2010 13:46:00
Redaktion der Seite: Felix Lüken
Quelle: Dr. Bernard Braun, Dr. Gerd Marstedt
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