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Startseite : Gesund altern : Therapietreue bei Vitamin D
Therapietreue bei Vitamin D
Ein Hauch von Scylla und Charybdis - Therapietreue kann unerwünschte Wirkungen haben
Das Risiko von Stürzen und damit verbundenen Knochenbrüchen ist besonders bei älteren Personen erhöht und folgenreich. Eine Reihe von Studien zeigte, dass man dieses Risiko durch die regelmäßige Einnahme einer Dosis des Vitamins D positiv beeinflussen kann. Das präventive Potenzial wurde dabei als durchaus bedeutsam eingeschätzt. Andere Studien zeigten aber entweder keine statistisch signifikanten Effekte oder sogar ein leicht erhöhtes Risiko von Hüftfrakturen unter der Einnahme von Vitamin D. Trotzdem gilt ein zu niedriges Vitamin D-Niveau weiterhin als beeinflussbarer Risikofaktor für Stürze und Brüche. Die wichtigste Voraussetzung, um aber unabhängig von der geschilderten, nicht einhelligen Studienlage wirklich wirksam zu sein, ist die regelmäßige tägliche Einnahme. Nicht nur bei älteren Personen, wenngleich besonders bei ihnen, lässt aber die Therapietreue bei der Einnahme von Medikamenten oder eben auch Vitaminen erheblich zu wünschen übrig.
Als Lösung für eine geringe Therapietreue wird seit einiger
Zeit eine einmalige orale Gabe einer Dosis Vitamin D im Herbst oder Winter verabreicht,
die für ein ganzes Jahr ausreicht. Anders als in vielen ähnlichen Fällen
untersuchten Mediziner nun in einer doppelt blinden, placebokontrollierten
Studie* bei 2.256 zwischen Juni 2003 und Juni 2005 rekrutierten, zu Hause
lebenden Frauen im Alter über 70 Jahren die Wirkungen dieser Jahresdosis. Die
Beobachtungszeit betrug zwischen 3 und 5 Jahren.
Bei der Analyse der Sturz- und Knochenbruchhäufigkeit
zeigten sich in der 837 Frauen umfassenden Vitamin D-Gruppe signifikant höhere
Werte als in der Placebogruppe (769 Frauen). 2.892 Stürze (83,4 Stürze pro 100
Personenjahre) und 171 Frakturen in der Vitamin D-Gruppe standen 2.512 Stürzen
(72,7 Stürze pro 100 Personenjahre) und 135 Knochenbrüchen in der Placebogruppe
gegenüber (p=0,03).
Das relative Risiko (RR) eines Knochenbruchs in der Vitamin
D-Gruppe betrug 1,26 gegenüber der Placebogruppe (p=0,047). Das bedeutet, das
Vitamin D-Patienten eine 26 % höheres Risiko eines Knochenbruchs hatten, als
Placebo-Patienten. Das höchste RR für Stürze belief sich in der Vitamin
D-Interventionsgruppe innerhalb der ersten 3 Monate nach Verabreichung der Jahresdosis
auf 1,31. Der Wert sank in den folgenden 9 Monaten zwar auf 1,13, war aber immer noch höher als in der
Placebo-Gruppe. Insgesamt war das Risiko eines Sturzes um 15 % erhöht.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fügen ihrem
Nachweis, dass die Jahresdosisbehandlung die Sturz- und Frakturrisiken erhöht,
noch einige weitere Hinweise für die Behandlung und die weitere Forschung
hinzu. Ein wichtiger Hinweis ist, dass offensichtlich die Einnahme von Vitamin
D allein keine ausreichende präventive Wirkung hat, sondern durch andere
Maßnahmen (z.B. entsprechende Trainingsangebote oder primärpräventive
Unterstützung im Wohnumfeld) ergänzt oder sogar ersetzt werden sollte. Sie vermuten
ferner, dass die unerwünschten Effekte auch durch die sehr hohe Vitamindosis
entstanden sein könnten. Dass man eine unerwünschte Situation und Wirkung
(fehlende Therapietreue) durch eine Intervention zu verändern sucht, ist
nachvollziehbar. Sobald diese Intervention jedoch selber zu unerwünschten
Wirkungen führt, sollte dies Anlass sein, über intelligentere und weniger
gesundheitsriskante Formen der Förderung von Therapietreue nachzudenken.
Dass dies über das Ziel, Sturz- und Frakturrisiken zu
senken, hinaus von Bedeutung sein könnte, zeigt ein gerade veröffentlichter
Aufsatz in der Fachzeitschrift "Journals of Gerontology". Dort wurde
nachgewiesen, dass der Vitamin D-Spiegel einen Einfluss auf die geistige
Aktivität haben kann. Wenn er zu niedrig ist, schwindet die kognitive
Flexibilität. Selbst wenn man weitere Einflussfaktoren auf die geistige
Flexibilität kontrolliert, bleibt ein positiver Effekt des Vitamin D bestehen.
* doppelt blind = weder
untersuchende(r) Ärztin/Arzt noch Teilnehmer wissen, ob die Teilnehmerin/der
Teilnehmer in der Untersuchungs- oder Kontrollgruppe ist. Dies wissen lediglich
die Wissenschaftler, die die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung auswerten;
placebokontrolliert = es gibt eine Kontrollgruppe, in der statt eines
Medikaments ein Placebo verabreicht wird
Ein Abstract des
Jahresdosis-Aufsatzes "Annual high-dose oral vitamin D and falls and
fractures in older women: a randomized controlled trial" von Sanders KM, Stuart AL, Williamson EJ,
et al., erschienen in der Ausgabe von JAMA vom 12. Mai 2010
(12;303(18):1815-22) ist kostenlos hier erhältlich.
Der Aufsatz "Vitamin D Is Associated With Cognitive Function in Elders Receiving Home Health Services" von Jennifer Buell et al. ist in der Juli-Ausgabe 2010 der Zeitschrift The Journals of Gerontology (Series A Volume 64A, Issue 8: 888-895) erschienen und komplett kostenlos hier erhältlich.
Seite erstellt am: 07.07.2010 09:15:00
Redaktion der Seite: Felix Lüken
Quelle: Dr. Bernard Braun, Dr. Gerd Marstedt
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