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Startseite : Prävention allgemein : Rezension EbPH
Rezension EbPH
Evidence-based Public Health
Die Evidenz-Basierung ist in der Medizin kein neues Thema – im Public Health-Sektor gibt es allerdings noch viel nachzuholen. Das Anfang des Jahres erschienene Buch „Evidence-based Public Health“ richtet sich an alle, die sich in diese Thematik einarbeiten möchten. So werden grundlegende Definitionen geliefert, die Herangehensweise der evidenzbasierten Public Health geschildert und Möglichkeiten des Wissenstransfers in die Praxis erörtert.
"The science and art of preventing disease, prolonging life, and promoting health through the organised efforts of society"*. Anknüpfend an diese Definition von Public Health von Donald Acheson wird in einem gerade erschienenen Mehrautorenbuch versucht, die Prinzipien der Evidenz-Basierung auch für den Bereich von Public Health zur Anwendung zu bringen und unter dem Namen "Evidence based Public Health (EbPH)" zu publizieren.
Das englische Wort "evidence" bedeutet "Nachweis", "Beleg"; Ansgar Gerhardus folgert daraus in seinem Einführungsaufsatz Folgendes: "Evidenzbasierte Maßnahmen wären demnach solche, deren Effekte wissenschaftlich untersucht und für nutzbringend befunden wurden" (S. 17). Evidenz-Basierung will das Verhältnis von Belegen, Ressourcen, Werten und Interessen innerhalb von Entscheidungsprozessen transparent machen und explizite, datengestützte Begründungen in Entscheidungssituationen erzwingen.
Zu den Stärken von EbPH gehört die Aufforderung, zunächst die Verlässlichkeit und Validität von Ergebnissen zu prüfen, bevor Empfehlungen oder gar Handlungsanleitungen aus diesen abgeleitet werden. Am Public Health-Thema "Übergewicht" und "Adipositas" werden exemplarisch die Verfahrensweisen der Evidenz-Basierung dargelegt.
Das Buch ist von den Autoren als Studienreise durch das Arbeitsfeld von EbPH angelegt worden (S. 257). Im ersten Teil werden grundlegende Definitionen geliefert, im zweiten Teil wird das Problem erörtert, wie Public Health-Fragestellungen in wissenschaftliche und damit für EbPH zugängliche Fragen transfomiert werden können. Der dritte Teil befasst sich mit den Methoden, die im Rahmen von EbPH zur Anwendung kommen können. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Epidemiologie und deren Methoden gerichtet. Dies erscheint deshalb sinnvoll, weil sich aus der Epidemiologie das Modell der Evidenz-Basierung entwickelt hat. Sodann wird EbPH in gesundheitsökonomischer, ethischer, soziokultureller und juristischer Perspektive betrachtet. Abschließend wird in diesem Kapitel diskutiert, wie die einzelnen Aspekte in eine integrierte, evidenzgestützte Bewertung zusammenfließen können.
Das vierte Kapitel befasst sich mit der Überführung von Ergebnissen der EbPH-Forschung in die Praxis. Die Kommunikationsmöglichkeiten von Evidenzergebnissen in der Praxis werden ebenso diskutiert wie die Transferbedingungen für Praxisentscheidungen. Insbesondere anhand von Adipositas-Interventionen wird dies verdeutlicht. Das letzte Kapitel des Buches widmet sich Fallbeispielen: der EbPH in der Influenza-Pandemieplanung, den Screening-Modellen beim Zervixkarzinom, der Prävention von chronischen Rückenschmerzen und dem EbPH-Umgang mit der Feinstaub-Problematik.
Im Schlusskapitel betonen die Autorinnen und Autoren jedoch auch die Problematik von EbPH: hochwertige Evidenz erfordert auch hohen Ressourceneinsatz - eine unter Umständen zu hohe Hürde für die Durchführung mancher gesundheitswissenschaftlicher Projekte. Kritisch zu sehen sei auch die Tendenz der Evidenz-Basierung, quantifizierbare Informationen gegenüber anderen zu bevorzugen. Es bestehe die Gefahr, dass nur solche Projekte durchgeführt würden, die sich leicht messen ließen - unabhängig von der Relevanz des Problems. So könnten auch Probleme der "Verteilungsgerechtigkeit" oft nicht entsprechend abgebildet werden, da sie mit Zahlen nur schwer zu greifen seien.
Das Buch ist besonders geeignet für Einsteiger in die Themengebiete der Gesundheitswissenschaften. Für "alte Hasen" findet sich viel Redundanz bezüglich gesundheitswissenschaftlicher Themen, die unter anderen Etiketten abgehandelt wurden - so kann man die Abhandlungen über Epidemiologie in jedem Einführungsbuch der Gesundheitswissenschaften finden. Ohnehin scheint bei EbPH die Gefahr zu bestehen, bewährte Methoden der Medizin und der Gesundheitswissenschaften aufzugreifen und in einem Meta-Diskurs neu zu beleuchten, ohne dass in jedem Fall der Erkenntnisgewinn dieser Operation einleuchtet. Dieses allgemeine Problem der Evidenz-Basierung betrifft phasenweise auch das vorgestellte Buch - obwohl man den Autorinnen und Autoren zugestehen muss, dass sie versucht haben, diese allgemeinen Redundanzschleifen so weit wie möglich zu vermeiden.
*zu deutsch: "Die Wissenschaft und Kunst, durch abgestimmte Bemühungen Krankheiten zu vermeiden, Leben zu verlängern und Gesundheit zu fördern."
Ansgar Gerhardus; Jürgen Breckenkamp; Oliver Razum; Norbert Schmacke; Helmut Wenzel (Hrsg.) (2010): "Evidence-based Public Health"; Bern, Verlag Hans Huber; 1. Aufl; 275 Seiten; Preis: 29,95 €.
Seite erstellt am: 15.07.2010 08:43:00, zuletzt geändert am: 30.07.2010 10:43:00
Redaktion der Seite: Dr. Beate Robertz-Grossmann, Felix Lüken
Quelle: eigene Darstellung
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