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Startseite : Prävention allgemein : Rezension Soziale Ungleichheit und Gesundheit

Rezension Soziale Ungleichheit und Gesundheit



Montag, 26. Juli 2010

Soziale Ungleichheit und Gesundheit


Hand mit GeldmünzenWas ist die Ursache dafür, dass sozial benachteiligte Menschen häufiger und schwerer erkranken? Ein europäisches Forscherinnen- und Forscherteam hat sich über mehrere Jahre mit dieser Frage befasst und versucht, Erklärungen zu finden. Die Ergebnisse sind in dem Buch „Soziale Ungleichheit und Gesundheit“ zusammengefasst. Gezielt weisen die Autoren auf praktische Lösungsmöglichkeiten für die Präventionspolitik hin.

Die unter der Herausgeberschaft von Siegrist und Marmot veröffentlichten Aufsätze dokumentieren im Wesentlichen die Ergebnisse des von der "European Science Foundation (EFS)" für fünf Jahre finanzierten Programms "Social Variations in Health Expectancy in Europe". Es handelt sich dabei um die Ergebnispräsentation von drei Arbeitsgruppen:

  • Arbeitsgruppe I befasste sich mit der Erklärung gesundheitlicher Ungleichheiten im Lebenslaufansatz mit besonderer Betonung der frühen Lebensjahre,
  • Arbeitsgruppe II befasste sich mit den sozialen und psychischen Determinanten der Gesundheit im mittleren Lebensalter und
  • Arbeitsgruppe III bearbeitete den Bezug der Gesundheit zur makrosozialen Umwelt.

Ziel des Forschungsprogrammes war, von der Beschreibung gesundheitlicher Ungleichheiten zu ihrer Erklärung fortzuschreiten und gesundheitspolitische Empfehlungen geben zu können. Wenn auch dieser hohe Anspruch nicht in vollem Umfang eingelöst werden konnte, so bekommen wir mit dem vorgelegten Buch doch eine profunde Dokumentation der diffizilen Beziehung von sozialen Faktoren und der Gesundheit.

Grundsätzlich wird in dieser Forschungsdokumentation festgestellt, dass es einen sozialen Gradienten von Morbidität und Mortalität gibt, der in den letzten Jahrzehnten noch an Bedeutung zugenommen hat und der sich durch alle Sektoren der Gesellschaft zieht. "Mit jedem Schritt nach oben auf der gesellschaftlichen Leiter verbessert sich der Gesundheitszustand" (S. 16). Im theoretischen Teil der Einführung werden einzelne Erklärungsansätze dieses Phänomens diskutiert.

Das zweite Kapitel des Buches befasst sich ausgiebig mit der Interaktion von Anlage und Umwelt und zeigt auf, dass genetische Faktoren auf Grund ihrer großen Bedeutung für die Intelligenzentwicklung eine treibende Kraft für die soziale Aufwärtsmobilität darstellen. Insofern muss zumindest immer eine "indirekte genetische Selektion" bei der Bestimmung eines Sozialstatus unterstellt werden. Aber: "Es muss natürlich unterschieden werden zwischen Erklärungen, die auf das Erreichen sozialer Statuspositionierung abzielen und Erklärungen, welche sich auf die gesundheitlichen Konsequenzen beziehen, die aus einem entsprechenden sozialen Status resultieren können" (S. 21).

Verschiedene Modelle zum Zusammenhang von sozialem Status und Gesundheit werden in dem Reader ausführlich diskutiert - der Stand der Forschung wird umfassend dokumentiert. Besonders aufschlussreich ist das vierte Kapitel von Johannes Siegrist und Töres Torell, das die jahrelange Forschung - insbesondere von Siegrist - zum Anforderungs-Kontroll-Modell und zum Modell der beruflichen Gratifikationskrisen dokumentiert.

Interessant sind auch die Ausführungen von Andrew Steptoe über psychobiologische Prozesse als Bindeglieder zwischen sozialem Status und Gesundheit. Hier konnte beispielsweise aufgezeigt werden, dass durch das Auslösen von Stressreaktionen "ein starker Anstieg von Interleukin-6 im Plasma und weniger zügige Post-Stress-Erholung des kardiovaskulären Systems bei Probanden mit niedrigem sozialen Status" (S. 31) auftreten. Wie Siegrist und Marmot in ihrer Einleitung schreiben, sind die Arbeiten von Steptoe ein viel versprechender Ansatz, "die verdeckten Verletzungen, die Menschen durch soziale Schichtungszugehörigkeit zugefügt werden, sichtbar zu machen" (S. 31). Darstellungen des Bewältigungsverhaltens, die Rolle der Kontrollüberzeugungen und Ausführungen über "aggregierte Deprivation" ergänzen diese Forschungsdokumentation.

Drei Herausforderungen für die Zukunft werden genannt, vor denen die Forschung zur gesundheitlichen Ungleichheit steht. Die erste Herausforderung betrifft die Befassung mit sozialer Ungleichheit und Gesundheit bei älteren Bevölkerungsgruppen. Diese Thematik wird uns durch die demografische Entwicklung aufgedrängt. Die zweite Herausforderung besteht in der Beantwortung der Fragestellung, ob sich die Erklärungsansätze gesundheitlicher Ungleichheit auch auf Gesellschaften mit einem anderen kulturellen Hintergrund übertragen lassen (z.B. auf sog. Entwicklungsländer). Als dritte Herausforderung sehen die Autoren den Dialog zwischen biomedizinischer Forschung und Public Health. Am Beispiel der Depression wird u.a. dargelegt, wie genetische Dispositionen und soziologische Einflüsse interagieren. Hier bieten sich nach Ansicht der Autoren durch die Zusammenarbeit von Public Health-basierter Präventionsforschung und moderner biomedizinischer Forschung enorme Forschungs- und medizinische Gestaltungspotentiale.

Das Buch gibt auch Empfehlungen für die Ausgestaltung von Gesundheitsförderungsprogrammen für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen: Stärkung der Ressourcen bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen, Etablierung von spezifischen Gesundheitsförderungsprogrammen für Schulkinder, siedlungs- und wohnungsbaubezogene sowie sozialpolitische Maßnahmen zur Verringerung der aggregierten Deprivation sowie sozialpolitische Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung, die sich an stresstheoretischen Modellen orientieren.

Die Lektüre des Readers lohnt sich nicht nur für unmittelbar mit der Thematik Befasste, sondern auch für diejenigen, die im weitesten Sinne gesundheitswissenschaftlich tätig sind.


Johannes Siegrist/ Michael Marmot (Hrsg.) (2008): "Soziale Ungleichheit und Gesundheit - Erklärungsansätze und gesundheitspolitische Folgerungen"; Bern, Hans Huber Verlag; 1. Aufl.; 320 Seiten; Preis: 39,95 €.

 

 


Seite erstellt am: 15.07.2010 08:59:00, zuletzt geändert am: 26.07.2010 10:20:00
Redaktion der Seite: Felix Lüken
Quelle: eigene Darstellung


 

 



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