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Startseite : Gesunde Kinder und Jugendliche : Übergewicht und Adipositas – revisited
Übergewicht und Adipositas – revisited
Übergewicht und Adipositas – revisited
Starkes Übergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für die Gesundheit. Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas ist weltweit, auch in Deutschland, angestiegen. In Deutschland haben 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht, bei mehr als einem Drittel von ihnen ist es so ausgeprägt, dass man von Adipositas spricht. Die Sachlage ist so eindeutig, dass es zu den Erklärungsansätzen keine Alternativen zu geben scheint. Und dennoch: es gibt sie, die Kritik am wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Mainstream.
So kommt Swen Körner in seinem Buch "Dicke Kinder - revisited" zu dem Ergebnis, dass Forscherinnen und Forscher durchaus auch eigene Interessen verfolgen, wenn sie feststellen, dass die Zahl übergewichtiger und adipöser Kinder zunimmt und sieht die Ursachen für die jugendlichen "Körperkrisen" zum Teil in der Wissenschaft selbst begründet. Wie kommt er zu dieser provokanten These?
Der Sportwissenschaftler Swen Körner unterzieht im Anschluss an die Systemtheorie Luhmanns die (sport-)wissenschaftlichen Diskurse über Bewegungsarmut und Übergewicht bei Kindern einer kommunikationstheoretischen Analyse und identifiziert sie als Teil einer Krisenkommunikation: In einer Gesellschaft, die sich wie nie zuvor permanent selbst alarmiert (Risikogesellschaft), bindet und bündelt Krisenkommunikation Aufmerksamkeit. Krisenthemen werden dadurch zu einem Mittel des Selbsterhaltes einer Gesellschaft (S. 95). Insbesondere für die Wissenschaft ist diese Krisenkommunikation für das eigene Überleben von hoher Bedeutung. Die Wissenschaft ist auf die Anschlussfähigkeit mit ihrer Umwelt angewiesen, um politische Wissenschaftsförderung, Drittmittel der Wirtschaft und Projektförderung zu bekommen. Daher versucht sie, in Wirtschaft, Massenmedien und Politik auf Aufmerksamkeit zu stoßen.
Also müssen laut Körner die Zahlen und Fakten "dramatisieren". So wird Fettleibigkeit und Adipositas als große Bedrohung der Gesellschaft dargestellt, Zahlen und Fakten durch "unterkomplexe" Indexsysteme wie dem Body-Mass-Index dramatisiert, der mit falschen Eindeutigkeiten operiert. Die Fortführung "insbesondere projektförmiger Auftragsforschung hängt entschieden ab von ihrer Anerkennung in außerwissenschaftlichen Resonanzkontexten, wobei das Maß sozialer Beachtung mit dem Grad an Eindeutigkeit korreliert" (S. 140), schreibt Körner.
Körner vollzieht einen Perspektivenwechsel: weg von kommunizierter Aufgeregtheit und Betroffenheit hin zur theoriegeleiteten Analyse der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen "Übergewichts"-Diskurse. Wer sich durch die schwierig zu lesende systemtheoretische Diktion nicht entmutigen lässt, gewinnt Erkenntnisse über die Mechanismen moderner Krisenkommunikation und über die Fragwürdigkeit ihrer moralischen Effekte.
Auch Friedrich Schorb greift in seinem Buch "Dick, doof und arm" die These auf, dass die Menschen immer dicker werden. Doch er greift auf, um anzugreifen - und zwar "die große Lüge vom Übergewicht". Dafür setzt er sich mit Messmethoden, epidemiologischen Daten und der Pharmaindustrie auseinander, um zu beweisen, dass unsere Gesellschaft kein Übergewichts-Problem hat. Zunächst beschreibt Schorb die Messmethoden und Indexsysteme zum Übergewicht und kommt wie Körner zu dem Schluss, dass diese die Funktion haben, die epidemiologischen Zahlen zum Übergewicht und zur Adipositas zu dramatisieren.
Im Anschluss daran untersucht er die Frage nach den Ursachen von Übergewicht und Adipositas. Schorb schlussfolgert, dass sich kein Zusammenhang zwischen dem Konsum bestimmter Lebensmittel (z.B. Fett) und dem Auftreten von Übergewicht (weder auf individueller, noch auf Bevölkerungsebene) nachweisen lässt. Für ihn steht fest, dass die Übergewichtigen einfach die "besseren Futterverwerter" sind.
Mit dieser These erklärt Schorb auch, warum es in den sozialen Unterschichten häufiger zu Übergewicht kommt als in den Mittel- und Oberschichten. Es sei gerade Mangelernährung, die zu Übergewicht führe. Gegen Monatsende, wenn das Geld knapp werde, müssten Menschen aus den Unterschichten oftmals eine "Armuts-Diät" durchführen. Der Körper lerne durch einen Mangel, Kalorien besonders effektiv zu verwerten (S. 140).
Abschließend setzt sich Schorb mit der Diskussion um die Gesundheitskosten von Übergewicht und Fehlernährung auseinander. Die in die Debatte eingebrachten Summen kämen zusammen, weil man die Kosten aller Krankheiten, die irgendwie mit der Ernährung in einem Zusammenhang stehen (aber von Ernährung keinesfalls alleine bedingt sind) zusammengezählt habe (Gicht, Diabetes, Karies, Osteoporose, Krebs etc.) - ein Verfahren, das die multifaktorielle Entstehung von Krankheiten unberücksichtigt lasse.
Schorb hat ein provokantes Buch geschrieben, das sich für eine Rehabilitation der Dicken ohne Diskriminierung stark macht. Die Lösung des Übergewichtproblems in den Unterschichten liegt Schorb zufolge zudem nicht in diätetischen Erziehungsprogrammen und gesundheitspädagogischem Aktionismus, sondern in der Erhöhung der Budgets für Einkommensschwache, damit sie sich eine kontinuierliche Ernährung leisten können. Seine Empfehlung lautet darüber hinaus, "die Vielfalt von Körpern anzuerkennen und zu schätzen, statt sie schon im Kleinkindalter in Kategorien zu pressen; Lebensfreude zu fördern, statt Leistungsdruck und schlechtes Gewissen zu vermitteln..." (S. 229).
Körner, Swen (2008): "Dicke Kinder - revisited: Zur Kommunikation juveniler Körperkrisen"; Bielefeld, transcript Verlag; 224 Seiten; Preis: 24,80 €.
Schorb, Friedrich (2009): "Dick, Doof und Arm? - Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert"; München, Droemer-Verlag; 240 Seiten, Preis: 16,95 €.
Seite erstellt am: 23.07.2010 12:09:00
Redaktion der Seite: Dr. Beate Robertz-Grossmann
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