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Sozialer Aufstieg ist nicht gesundheitsförderlich. Sozialer Abstieg hingegen gesundheitsriskant.


Dienstag, 5. Oktober 2010

Sozialer Aufstieg ist nicht gesundheitsförderlich. Sozialer Abstieg hingegen gesundheitsriskant.


Mann auf LeiterStudien, die sich mit den Zusammenhängen von sozialer Lage und Gesundheit beschäftigen, vermitteln häufig den Eindruck, dass durch soziale Aufwärts-Mobilität gesundheitliche Ungleichheiten vermieden oder gemildert werden könnten. Eine britische Untersuchung kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: nur der soziale Abstieg wirkt sich auf das Gewicht aus - und zwar negativ. Die Prävalenz von Adipositas ist bei sozialen Aufsteigern dagegen genauso hoch, wie in der sozialen Schicht aus der sie kamen.

Ob diese Erwartungen berechtigt oder lediglich politisch wünschenswert sind, ist nicht einfach zu untersuchen. Dazu braucht man langjährige Daten über möglichst viele Indikatoren für die soziale Lage (z.B. Ausbildungs- und Beschäftigungsstand sowie Einkommen), deren Veränderungen in der Zeit und ebenfalls differenzierte Daten zur Inzidenz und Prävalenz von Erkrankungen.

Eine der wenigen großen bevölkerungsbezogenen Datensammlungen, die sich dem Thema der sozialen Determiniertheit von Gesundheit widmet, ist die in den Jahren 1985 bis 1988 gestartete so genannte Whitehall II-Studie. In ihr wurden diese Daten für 10.308 britische Staatsbeamte im damaligen Alter von 35 bis 55 Jahren gesammelt und die Angaben werden weiterhin laufend aktualisiert. In der fünften Phase der Studie wurden 1997 bis 1999 im Rahmen einer Zusatzstudie klinischen Untersuchungen bei 4.598 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter von 44 bis 69 Jahren zur Prävalenz von Übergewicht und Adipositas erhoben. Diese Werte konnten dann zusammen mit den für diese Kohorte gesammelten Daten zur sozialen Lage und Entwicklung auf die Art und den Umfang möglicher Zusammenhänge untersucht werden.

Die wesentlichen Ergebnisse dieser von britischen und dänischen Forschern durchgeführten Untersuchung lauten folgendermaßen:

  • Soziale Mobilität hat nur dann einen Effekt für die Gesundheit und hier für Übergewicht und Adipositas, wenn es sozial abwärts geht: 52 % der Beamtinnen, die einen sozialen Abstieg durchlebten, waren übergewichtig oder adipös, während dies lediglich 36,1 % der Beamtinnen waren, die auf ihrem hohen sozialen Niveau stabil geblieben sind.
  • Personen, die sozial nach oben mobil waren, hatten fast die gleiche Übergewichts- und Adipositas-Prävalenz wie diejenigen Personen, deren niedrigerer sozialer Status unverändert geblieben ist: Die Prävalenz betrug bei diesen beiden Gruppen weiblicher Studienteilnehmer fast identische 62,3 % und 63,9 %.
  • Zugleich wurde in der Kohortenstudie deutlich: Eine im Lebensverlauf zu beobachtende Kumulation sozialer Benachteiligung erhöht das Risiko von Übergewicht und Adipositas bis um das 2.6-fache.

 

Die Autoren ziehen aus ihrer Untersuchung den praktischen Schluss, Public Health-Aktivitäten müssten sich vor allem darauf richten, die Abwärtsmobilität und die Akkumulation von sozialen Nachteilen zu verhindern. Umgekehrt hätte eine Konzentration auf die Förderung der Aufwärtsmobilität bei Weitem nicht die gesundheitlichen Effekte, die damit möglicherweise verknüpft werden.

Von der Studie ist kostenlos nur ein Abstract erhältlich. Sie finden ihn hier


Quelle:

Alexandros Heraclides; Niels Steensens (2010): " Social mobility and social accumulation across the life course in relation to adult overweight and obesity: the Whitehall II study"; in: Journal of Epidemiology and Community Health (64: 714-719). 



Seite zuletzt geändert am: 05.10.2010 09:13:00, ursprünglich angelegt am: 29.09.2010 14:15:00
Autor/-in der Seite: Felix Lüken
Quelle: Dr. Bernard Braun, Dr. Gerd Marstedt