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Sturzprophylaxe: Wirksamkeit von Maßnahmen allein garantiert noch keinen Erfolg – Aktive Beteiligung Älterer unabdingbar


Freitag, 6. Januar 2012

Sturzprophylaxe: Wirksamkeit von Maßnahmen allein garantiert noch keinen Erfolg – Aktive Beteiligung Älterer unabdingbar


Stürze sind eine der häufigsten und bis hin zum vorzeitigen Tode folgenreichsten Ereignisse im Leben älterer Personen. Entsprechend wichtig sind sämtliche wirksamen Angebote oder Interventionen für die Sturzprophylaxe im häuslichen Umfeld, aber auch im Bereich der Pflegeheime – und entsprechend wichtig sind auch Studien, in denen Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen angeboten und auf ihre Wirksamkeit untersucht werden. Doch zwölf Monate nach Beginn von solchen Studien hält sich wahrscheinlich nur die Hälfte der im häuslichen Umfeld und ein Drittel der in Pflegeheimen oder Krankenhäusern lebenden älteren TeilnehmerInnen an diese Maßnahmen. Das ist das ernüchternde Ergebnis einer ergänzenden Analyse zu zwei Cochrane-Reviews über Sturzprophylaxe-Maßnahmen.

Die systematische Betrachtung von 111 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zu Maßnahmen für die noch zu Hause lebenden älteren Personen hebt besonders körperliches Bewegungstraining und Tai Chi als hochwirksame Interventionen zur Prävention von Stürzen hervor. Die häusliche Sicherheit oder der Entzug bestimmter psychotroper Medikamente haben dagegen nur beschränkte präventive Evidenz. So kann beispielsweise die Nichtverschreibung bestimmter Medikamente zwar die Rate der Stürze reduzieren, aber nicht das Sturzrisiko.

Die systematische Betrachtung von 41 RCTs über Maßnahmen für ältere Menschen, die in Pflegeheimen oder Krankenhäusern leben, führte insgesamt eher zu negativen Ergebnissen. In einzelnen Studien zeigte sich aber die Wirksamkeit eines vielseitigen und angeleiteten körperlichen Trainings bei Personen im Krankenhausumfeld und die Wirksamkeit der Einnahme von Vitamin D bei BewohnerInnen von Pflegeheimen.

Keine Rolle spielten in beiden Cochrane-Reviews - und im Übrigen auch in manch anderen dieser methodisch hochwertigen Analysen - drei für den Präventionsalltag relevante inhaltliche Umstände, nämlich die grundsätzliche Beteiligung älterer Personen an solchen Interventionen, ihr Engagement in den angebotenen Maßnahmen und der Grad, mit dem sie sich an die vorgeschriebenen Maßnahmen halten, also die Adhärenz oder Compliance. Diese Umstände können dazu führen, dass unabhängig davon, wie wirksam einzelne Maßnahmen nachweisbar sein mögen, die populationsbezogene Wirksamkeit bedeutend karger ausfällt, wenn die Beteiligung älterer Menschen an solchen Maßnahmen gering ist oder sie sich nicht an die vorgeschriebenen Prozeduren halten.

Zwei ergänzende Untersuchungen der reviewten RCTs zeigen nun, wie viele der ursprünglich zur Teilnahme an diesen Studien ausgewählten und eingeladenen Personen der Einladung überhaupt gefolgt sind (Rekrutierungsrate), wie viele der TeilnehmerInnen ihre Teilnahme innerhalb der ersten 12 Monate abgebrochen haben, wie verlässlich sich die TeilnehmerInnen an die vorgeschriebenen Maßnahmen gehalten haben und wie sich das auf die Anzahl der TeilnehmerInnen auswirkt, die sich an die wirksamen Maßnahmen zur Sturzprävention halten und damit Nutznießer deren Wirksamkeit sind.

Betrachtet man für die noch im häuslichen Umfeld lebenden älteren Personen ihre Rekrutierungsrate von 70%, ihre Abbruchquote von 10% und ihre Adhärenzrate von 80%, halten es die Reviewer für möglich, dass sich nach 12 Monaten Präventionsalltag nur die Hälfte von ihnen treu an die Interventionen und Maßnahmen der Sturzprävention halten.

Betrachtet man dieselben Indikatoren für die älteren Personen in institutionellen Settings, liegt deren Rekrutierungsrate auf 49%, steigt ihre Abbruchquote auf 16% und halten sich ebenfalls durchschnittlich 80% (bei Schwankungen zwischen 11% und 93%) an die vorgeschriebenen Maßnahmen in den Studienprotokollen. Dies bedeutet, dass sich nach 12 Monaten wahrscheinlich nur noch ein Drittel der Pflegeheimbewohner an die wirksamen Maßnahmen hält oder diese in ihrem realen Leben umsetzen.

Beide Ergebnisse sind zum einen für die künftige Konzeption von RCTs bedeutsam. Hier geht es um eine höhere Beteiligung der ursprünglich vorgesehenen Teilnehmerschaft, ein höheres Engagement und eine größere Therapietreue der dann teilnehmenden Personen. Zum anderen sind diese Erkenntnisse aber auch für die Anbieter von Sturzpräventionsprogrammen wichtig. Ohne Berücksichtigung der jetzt identifizierten und quantifizierten Prozesse könnten sich manche Versprechungen oder Erwartungen als so unrealistisch erweisen, dass diese Maßnahmen rasch an Akzeptanz verlieren.


Bei den beiden Cochrane-Reviews handelt es sich um:

Gillespie LD, Robertson MC, Gillespie WJ, Lamb SE, Gates S, Cumming RG, Rowe BH. Interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2.
Das Abstract finden Sie hier.

Cameron ID, Murray GR, Gillespie LD, Robertson MC, Hill KD, Cumming RG, Kerse N. Interventions for preventing falls in older people in nursing care facilities and hospitals. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1.
Das Abstract finden Sie hier.


Die beiden zusätzlichen Analysen der Gesamtwirksamkeit der untersuchten Interventionen sind:

Nyman Samuel R., Christina R. Victor (2011): Older people's participation in and engagement with falls prevention interventions in community settings: an augment to the cochrane systematic review. In: Age Ageing. 2012; 41(1):16-23.
Das Abstract zum Aufsatz erhalten Sie hier.

Nyman SR, Victor CR. (2011): Older people's recruitment, sustained participation, and adherence to falls prevention interventions in institutional settings: a supplement to the Cochrane systematic review. In: Age Ageing; 40(4): 430-6.
Zu dem Aufsatz ist sowohl das Abstract (hier) als auch der gesamte Text (hier) kostenlos erhältlich.




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Seite zuletzt geändert am: 06.01.2012 08:27:00, ursprünglich angelegt am: 04.01.2012 09:27:00
Autor/-in der Seite: Dr. Bernard Braun






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