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Hohe Cholesterinwerte und über 60? Neue Studie plädiert für Entdramatisierung


Montag, 6. Februar 2012

Hohe Cholesterinwerte und über 60? Neue Studie plädiert für Entdramatisierung


Mann füttert FrauSeit Jahren wird angenommen, dass ein hoher Gesamtcholesterinspiegel ein bedeutender Risikofaktor für die Herz-Kreislauf-Morbidität und -Mortalität ist. Seit mittlerweile Jahrzehnten stellen aber methodisch hochwertige Studien auch immer wieder in Frage, ob die „zu hohen“ Cholesterinspiegel tatsächlich zu den erwarteten negativen Effekten führen. Eine im Herbst 2011 veröffentlichte prospektive Kohortenstudie aus den Niederlanden mit 5.750 TeilnehmerInnen im Alter von 55 bis 99 Jahren weist nach einer fast 14 Jahre währenden Untersuchungszeit jetzt sogar auf einen möglichen gesundheitlichen Nutzen eines hohen Gesamtcholesterinspiegels hin.

Bereits 1994 widersprachen Krumholz et al. aufgrund ihrer prospektiven Kohortenstudie in den USA mit 997 über 70-jährigen TeilnehmerInnen der Hypothese, dass hohe Cholesterinspiegel oder niedrige HDL-Werte für die untersuchte Altersgruppe ein Risikofaktor für die Gesamtsterblichkeit seien oder für das Risiko, an koronaren Herzerkrankungen zu sterben oder wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus zu kommen oder an einer instabilen Angina pectoris zu leiden.

Eine im Herbst 2011 veröffentlichte prospektive Kohortenstudie aus den Niederlanden mit 5.750 TeilnehmerInnen im Alter von 55 bis 99 Jahren weist nach einer fast 14 Jahre währenden Untersuchungszeit nun sogar auf einen möglichen gesundheitlichen Nutzen eines hohen Gesamtcholesterinspiegels hin. So war ein höherer Gesamtcholesterinwert über alle Altersstufen hinweg signifikant mit einem geringeren Risiko assoziiert, an einer nicht-kardiovaskulären Erkrankung (vor allem Krebs) zu sterben. Mit jedem Millimol pro Liter Blut (mmol/L) mehr sank das genannte alters- und geschlechtsadjustierte Sterberisiko um rund 12%. Dabei gab es deutliche altersspezifische Unterschiede: Bei den 65- bis 74-jährigen TeilnehmerInnen sank dieses Risiko mit jedem Millimol/Liter mehr an Gesamtcholesterin ebenfalls um 12%, bei den 75- bis 84-Jährigen um 14% und schließlich bei den 85 Jahre alten und älteren Personen um 20%. Gleichzeitig fanden die holländischen ForscherInnen keine signifikanten Assoziationen zwischen dem Wert des „guten" HDL-Cholesterin und der Sterblichkeit an nicht-kardiovaskulären Krankheiten.

In einer zusätzlichen Untersuchung der Zusammenhänge von Cholesterinwerten und der kardiovaskulären Sterblichkeit (vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall) zeigte sich nur in einer einzigen Altersgruppe signifikante Zusammenhänge zwischen diesem Risiko und den verschiedenen Cholesterinwerten: Einerseits reduzierte ein Anstieg des Gesamtcholesterinspiegels um 1-Millimol pro Liter bei Personen, die 85 Jahre alt und älter waren, die spezifische Sterblichkeit um 21%. Andererseits senkte aber ein vergleichbarer Anstieg des HDL-Wertes die Herz-Kreislaufmortalität um 59%.

Auch wenn die AutorInnen nach einer kritischen Auseinandersetzung mit anderen Untersuchungen weitere Forschungen über den genauen Mechanismus der identifizierten Assoziationen für notwendig halten, sprechen ihre Ergebnisse für zweierlei: Zumindest für über 55- oder 65-Jährige müssen hohe Gesamtcholesterin- und LDL-Werte entdramatisiert werden und positive Erwartungen an hohe HDL- oder niedrige LDL-Werte eingeschränkt werden. Der Nutzen der Einnahme von Cholesterinsenkern bei ansonsten gesunden Angehörigen dieser Altersgruppen und besonders bei hochaltrigen Personen über 80 Jahren sollte schließlich gründlich überlegt werden.


"Lack of association between cholesterol and coronary heart disease mortality and morbidity and all-cause mortality in persons older than 70 years” von Krumholz HM, Seeman TE, Merrill SS, Mendes de Leon CF, Vaccarino V, Silverman DI, Tsukahara R, Ostfeld AM und Berkman LF. In: JAMA. 1994 Nov 2; 272(17):1335-40.
Das Abstract zum Aufsatz finden Sie hier.

"Association between serum cholesterol and noncardiovascular mortality in older age” von Newson RS, Felix JF, Heeringa J, Hofman A, Witteman JC und Tiemeier H, veröffentlicht im „Journal of American Geriatric Society” (2011; 59 (10): 1779-85).
Das Abstract zum Aufsatz finden Sie hier.




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Seite zuletzt geändert am: 06.02.2012 08:37:00, ursprünglich angelegt am: 31.01.2012 08:37:00
Autor/-in der Seite: Dr. Bernard Braun