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Psychische Belastungen in der Lebensmitte erhöhen das Demenzrisiko


Mittwoch, 28. März 2012

Psychische Belastungen in der Lebensmitte erhöhen das Demenzrisiko


Dass Demenz nicht nur ein "hirnorganisches Altersschicksal" ist, sondern auch mit Lebensereignissen zusammenhängen kann, wird von der Wissenschaft mehr und mehr beachtet. Lena Johansson und Kollegen von der Universität Göteborg, Schweden, veröffentlichten nun eine Studie, die zeigt, dass psychische Belastungen in der Lebensmitte mit sichtbaren Veränderungen des Gehirns assoziiert sind.

Das Autorenteam führte eine Langzeitstudie durch, die sich über einen Zeitraum von 1968 bis zum Jahr 2000 erstreckte. Ausgangsbasis war eine Studienpopulation von 1462 Frauen im Alter zwischen 38 und 60 Jahren. Im Jahr 2000 konnten die Autoren schließlich die Daten von 344 Überlebenden auswerten, die in den Jahren 1968, 1974 und 1980 nach ihrer psychischen Belastung befragt worden waren und im Jahr 2000 eine Computertomografie des Schädels erhielten.

Das Ergebnis: Die Frauen, die mindestens zu einem Zeitpunkt (1968, 1974 und/oder 1980) über häufige oder konstante psychische Belastungen berichteten, hatten gegenüber den nicht-belasteten Teilnehmerinnen ein deutlich erhöhtes Risiko für nachweisbare Veränderungen am Gehirn. Die adjustierte Odds Ratio für mäßige bis schwere Läsionen der weißen Substanz betrug für die belasteten Frauen 2,39 (95% Konfidenzintervall (CI) = 1,16‑4,92). Die adjustierte Odds Ratio für eine mäßige bis schwere Atrophie des Temporallappens lag bei 2,51 (95% CI = 1,04‑6,05). Häufiger bzw. dauerhafter Stress war außerdem mit einer Atrophie der zentralen Hirnregionen assoziiert. Die Autoren gehen daher davon aus, dass psychische Belastungen in der Lebensmitte das Risiko für zerebrale Atrophien und Läsionen der weißen Hirnsubstanz erhöhen.

Diese Studie weist damit in dieselbe Richtung wie eine niederländische Studie von Mirjam I. Geerlings et al. aus dem Jahr 2008: In dieser Studie wurden 503 Teilnehmer dazu befragt, ob sie in ihrem Leben depressive Episoden hatten. Sechs Jahre nach Studienbeginn konnten die Autoren mittels Magnetresonanztomografie (MRT) nachweisen, dass das Risiko, an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, für die Teilnehmer mit einer Depression in jüngeren Jahren deutlich erhöht war (Hazard Ratio [HR] = 3,76; 95% CI = 1,41‑10,06).

Diese Ergebnisse zeigen, dass "Psychohygiene" im alltäglichen Leben als ebenso wichtig erachtet werden sollte wie Maßnahmen für körperliches Wohlbefinden. Entspannungsprogramme, Schulungen zum Umgang mit Konflikten oder Psychotherapie sind möglicherweise wichtige Eckpfeiler in der Prävention von Demenzerkrankungen. In diesem Zusammenhang ist das Buch der Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze erwähnenswert: "Vergiss Alzheimer!" Die Journalistin erklärt, warum der Diagnosebegriff "Alzheimer" so problematisch ist und nennt einige Beispiele von Assoziationen zwischen Depression und Demenz.

Doch auch, wenn alte Patienten und Ärzte manchmal resignierend glauben, jetzt sei "alles zu spät", so sollten sie doch daran denken, dass Psychotherapie auch im Alter wirkungsvoll sein kann. Ist die Scham vor dem Schritt in die Therapie erst einmal überwunden, kann eine Psychotherapie einem alten Menschen ebenso gut tun wie einem jüngeren. Dadurch lässt sich das Gehirn zwar nicht "reparieren", aber vielleicht funktionell ein wenig auffrischen. Hier liefert die Zeitschrift "Psychotherapie im Alter", Psychosozial-Verlag, viele Impulse und aufklärende Beiträge.



Quellen:

Johansson, Lena; Skoog, Ingmar; Gustafson, Deborah et al.: Midlife Psychological Distress Associated With Late-Life Brain Atrophy and White Matter Lesions: A 32-Year Population Study of Women. Psychosomatic Medicine February-March 2012, Vol. 74 No. 2: 120‑125 Published online January 27, 2012, doi: 10.1097/PSY.0b013e318246eb10
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.
Hier finden Sie einen Link zum Forscherteam um Lena Johansson, Ingmar Skoog et al. der Universität Göteborg, Abteilung Neuropsychiatrische Epidemiologie.

M. I. Geerlings, T. den Heijer, P. J. Koudstaal et al.: History of depression, depressive symptoms, and medial temporal lobe atrophy and the risk of Alzheimer disease. Neurology April 8, 2008 vol. 70 no. 15 1258-1264 doi: 10.1212/01.wnl.0000308937.30473.d1
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.


Links:

Vergiss Alzheimer! (Verlag Kiepenheuer und Witsch, 2011)
Blog und Buch von der Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze Link

Symposium "Psychoanalyse und Altern"
Symposium jeweils am ersten Dezember-Wochenende (Freitag/Samstag) eines Jahres Link

Zeitschrift "Psychotherapie im Alter" Link und Link


Weiterführende Literatur:

siehe Institut für Alternspsychotherapie Link




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Seite zuletzt geändert am: 28.03.2012 08:12:00, ursprünglich angelegt am: 26.03.2012 12:12:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos