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Startseite : Gesunde Kinder und Jugendliche : Beiträge - 2012 : Wie gehen Jugendliche mit Stresssituationen um?


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Wie gehen Jugendliche mit Stresssituationen um?


Montag, 16. April 2012

Wie gehen Jugendliche mit Stresssituationen um? Jungen werden aggressiver, Mädchen depressiver


Lehrer wissen über die "anstrengenden pubertierenden Jungs" ein Lied zu singen. Oft sind ihnen jüngere oder ältere Schüler lieber. Auch werde es immer schlimmer mit den Schülern heutzutage - so heißt es (schon seit Menschen Gedenken). Doch wie äußern sich die psychischen Veränderungen in der Pubertät und wie kann man Störungen vorbeugen? Petra Hampel (Universität Flensburg) und Patrick Pössel (Universität Louisville, USA) untersuchten dies in einer Zwei-Jahres-Kohorten-Sequenz-Studie. Sie erforschten emotionale Regulationsstrategien und Stressbewältigungsmechanismen von Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren.

Belastende Situationen können auf verschiedene Weise verarbeitet werden. Zu den günstigen Stressverarbeitungsmechanismen gehören zum Beispiel Ablenkung, positive Selbstinstruktion, aktive Bewältigung eines Problems oder die Suche nach sozialer Unterstützung. Ungünstige Mechanismen sind Resignation, gedankliche Weiterbeschäftigung mit dem Thema, Bagatellisierung, kognitive Vermeidung, Rückzug oder aggressives Verhalten. Welcher Mechanismen sich Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung bedienen, untersuchten Petra Hampel und Patrick Pössel an 200 deutschsprachigen Sechst- bis Neuntklässlern aus dem ländlichen Bremer Raum. In die Studie eingeschlossen waren sowohl Haupt- und Realschüler als auch Gymnasiasten. Insgesamt wurden Kinder aus 16 Klassen untersucht. Das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen: Es gab 93 männliche und 107 weibliche Studienteilnehmer.


Regulationsmuster wurden mittels Fragebögen evaluiert
Die 6. und 7. Klasse (108 Schüler) sowie die 8. und 9. Klasse (92 Schüler) wurden jeweils zu einer Einheit zusammengefasst. Die Studienteilnehmer füllten zu Beginn der Studie sowie zwei Jahre später Fragebögen aus. Mithilfe des "Screenings Psychischer Störungen für Jugendliche" (SPS-J) wurden die emotionalen und Verhaltensprobleme erfasst. Dieser aus 32 Items bestehende Fragebogen ermittelt "aggressiv-dissoziales Verhalten", "Ärgerkontrollprobleme", "Ängstlichkeit/Depressivität" und "Selbstwertprobleme". Die Schüler gaben an, ob ihr Verhalten oder ihr Gefühlszustand in den letzten sechs Monaten "nie" (0), "manchmal" (1) oder "fast immer" (2) vorhanden war.

Der "Stressverarbeitungsfragebogen für Kinder und Jugendliche" (SVF-KJ) eruierte die Emotionsregulierungsstrategien wie "Bagatellisierung" und "Ablenkung" sowie Problemlösungsstrategien. Hierzu gehören "Situationskontrolle", "Positive Selbstinstruktionen" und "Soziales Unterstützungsbedürfnis". Außerdem erfassten die Subtests "Passive Vermeidung", "Gedankliche Weiterbeschäftigung", "Resignation" und "Aggression". Insgesamt enthält der SVF-KJ 36 Items, die vierstufig bewertet werden können: von "auf keinen Fall" (0) bis "auf jeden Fall" (4).

Es zeigte sich, dass aggressiv-dissoziales Verhalten und Ärgerkontrollprobleme innerhalb von zwei Jahren bei den Sechst- und Siebtklässlern zunahmen (p aggressiv-dissoziales Verhalten < 0,001, p Ärgerkontrolle < 0,05). In der achten und neunten Klassen nahmen diese Störungen jedoch wieder ab (p aggressiv-dissoziales Verhalten < 0,001, p Ärgerkontrolle < 0,1). Mädchen wiesen insgesamt höhere Werte von Ängstlichkeit und Depressivität auf als Jungen, wohingegen die Jungen stärker mit Selbstwertproblemen zu kämpfen hatten als die Mädchen. Die Selbstwertprobleme nahmen jedoch insgesamt bei beiden Geschlechtern in der sechsten und siebten Klasse zu. Diese Zunahme konnte bei den Acht- und Neuntklässlern nicht beobachtet werden.

Jungen bagatellisierten insgesamt häufiger als Mädchen. Positive Selbstinstruktionen nahmen bei den Jungen der sechsten und siebten Klasse über zwei Jahre ab, wohingegen sie in der achten und neunten Klasse zunahmen. Zusammen mit der Abnahme der Ärgerkontrollprobleme lässt dies also auf eine positive Entwicklung schließen.


Vulnerable Phase in der frühen Adoleszenz
Die Autoren gehen davon aus, dass der Zeitraum zwischen frühem und mittlerem Jugendalter als vulnerable Phase für externalisierende Probleme angesehen werden kann. Möglicherweise verbessere sich die psychische Anpassung von der mittleren zur späten Adoleszenz wieder, jedoch müssten weitere Studien die Entwicklungsverläufe detaillierter erfassen, so die Autoren. Sie empfehlen zur Prävention das kognitiv-verhaltenstherapeutische Programm "Geschlechtsspezifisches Anti-Stress-Training in der Schule" (Hampel, Jahr & Backhaus, 2008).


Meinung und Zusammenhänge
Die Studie zeichnet ein klares Bild, das immer wieder in der Fachwelt diskutiert wird: Während die Jungen mit "störendem" und aggressivem Verhalten auffallen, stehen bei Mädchen eher "innere Probleme" im Vordergrund. Die für Mädchen charakteristische Ängstlichkeit und Depressivität fällt zwar weniger auf, dürfte jedoch nicht weniger problematisch sein. Die Studie von Hampel und Pössel ergänzt weitere bekannte Studien, wie zum Beispiel die Längsschnittstudie der Psychoanalytikerin Inge Seiffge-Krenke (2006), die Hampel und Pössel mit in ihre Überlegungen einbeziehen.


Die Rolle des Vaters
Die speziellen Probleme der Jungen, wie sie auch beim Thema "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) immer wieder diskutiert werden, werden zur Zeit von namhaften Autoren beleuchtet: Der Frankfurter Psychoanalytiker Frank Dammasch erklärt zum Beispiel, dass der Vater eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob Jungen Verhaltensauffälligkeiten entwickeln oder nicht: "Psychoanalytische Forschungen legen die Annahme nahe, dass Jungen im Rahmen ihrer Kernidentitätsentwicklung und bei der Entwicklung einer angemessenen Impulskontrolle auf positive Interaktions- und Identifikationserfahrungen mit ihrem Vater angewiesen sind" (Frank Dammasch, Ärzteblatt 2008). Auch der Kinderanalytiker und Autor Hans Hopf (www.hans-hopf.de) befasst sich ausgiebig mit diesem Thema. Jungen ‑ aber auch Mädchen ‑ brauchen den Vater und weitere männliche Vorbilder, doch fehlen sie häufig in der Familie und in öffentlichen Einrichtungen.


Gute Bindungen fördern die gesunde Emotionsregulation
Darüber hinaus können Probleme der Emotionsregulation auch im Zusammenhang mit der Bindungstheorie betrachtet werden. Unsichere Bindungen können beispielsweise spätere Depressionen begünstigen (Sund & Wichström 2002). Das Containment-Modell des Psychoanalytikers Wilfred Ruprecht Bion (1897-1979) zeigt, wie wichtig es für Kinder ist, dass ihre Gefühle gehalten und für sie von der Bezugsperson verarbeitet werden, um später selbst ihre Gefühle steuern zu können (Brookes, 1991). Der britische Psychoanalytiker Peter Fonagy führt diese Überlegungen in seinem Mentalisierungskonzept fort: Über sich selbst und andere nachzudenken, ist keine Fähigkeit, die das Kind von sich aus erlangt. Kinder erlangen diese Fähigkeit nur über die Beziehung zu Erwachsenen ‑ die entscheidenden Anfänge hierzu liegen in der Beziehung der Mutter zu ihrem Säugling. Je weniger Kinder und Jugendliche "mentalisieren" können, desto eher neigen sie zu Gewalt (Fonagy, 2003).

Weitere wertvolle Literatur zum Thema "Bindung" liefern der Münchener Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch (www.khbrisch.de) sowie das Ehepaar Klaus und Karin Grossmann, Universität Regensburg.

Die frühe Kindheit ebnet den Weg in die Adoleszenz und wo es früh an sicherer Bindung mangelt, können sich später verstärkt Probleme einstellen. Vorbeugend wirkt der Aufbau guter Beziehungen zu den Kindern. Gemeinsames Spiel, das Sich-Beschäftigen mit den Kindern, manchmal schon die pure Anwesenheit der Eltern (oder anderer naher Bezugspersonen) sowie die Sorge der Eltern um ihre eigene psychische Gesundheit ‑ all dies hilft den Kindern, ihre Emotionen regulieren zu lernen.



Quellen:


Hampel, Petra und Pössel, Patrick (2012): Psychische Auffälligkeiten und Stressverarbeitung im Jugendalter. Eine 2-Jahres-Kohorten-Sequenz-Studie. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 20 (1): 3-12, Hogrefe Verlag Göttingen 2012
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Seiffge-Krenke, Inge (2006): Coping with relationship stressors: The impact of different working models of attachment and links to adaptation. Journal of Youth and Adolescence, 35: 25‑39
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.



Weiterführende Links und Literaturempfehlungen:


Professor Dr. Petra Hampel, Gesundheitspsychologie und Gesundheitsbildung, Universität Flensburg. Link

Professor Dr. Patrick Pössel, Universität Louisville, USA. Link

Brookes, Sasha (1991). Bion's concept of containment in marital work. Journal of Social Work Practice: Psychotherapeutic Approaches in Health, Welfare. Volume 5, Issue 2, 1991: pages 133-141, doi:10.1080/02650539108413466
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Dammasch, Frank (Hrsg.): Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht. Verlag Brandes und Apsel 2008
Das Buch können Sie hier bestellen.
Leseprobe: Jungen in der Krise. Statistische, sozialpsychologische und psychoanalytische Aspekte. S. 9-28, urn:nbn:de:0111-opus-16992, pedocs - Open Access Erziehungswissenschaften
Die Leseprobe finden Sie hier.

Dammasch, Frank (2008): Geschlechtsspezifische Aspekte psychischer Gesundheit: Die Krise der Jungen. PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 357. Deutsches Ärzteblatt
Den Artikel finden Sie hier.

Finger-Trescher, Urte und Krebs, Heinz (Hrsg.). Bindungsstörungen und Entwicklungschancen. Buchreihe: Psychoanalytische Pädagogik. Psychosozial-Verlag 2003
Das Buch können Sie hier bestellen.

Fonagy, Peter (2003): Towards a developmental understanding of violence. The British Journal of Psychiatry (2003), 183: 190-192, doi: 10.1192/02-514
Den Artikel finden Sie hier.

Grossmann, Klaus und Karin: Forschungsarbeiten
Die Homepage von Prof. Dr. Klausmann und Dr. Klausmann finden Sie hier.

Hampel, Petra und Petermann, Franz (2003): Anti-Stress-Training für Kinder. Materialien für die klinische Praxis. Beltz-Verlag, 2.Auflage, 2003
Das Buch können Sie hier bestellen.

Hampel, Petra; Jahr, Alexandra und Backhaus, Olaf (2008): Geschlechtsspezifisches Anti-Stress-Training in der Schule. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 57, 2008: 20-38
Ein Abstract und Bezügsmöglichkeiten des Artikels finden Sie hier.

Seiffge-Krenke, Inge und Lohaus, Arnold (Hrsg.): Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe-Verlag 2007
Eine Leseprobe und Bestellmöglichkeit finden Sie hier.

Sund, Anne Mari und Wichström, Lars (2002): Insecure Attachment as a Risk Factor for Future Depressive Symptoms in Early Adolescence. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. Volume 41, Issue 12, December 2002, Pages 1478-1485
Ein Abstract zum Artikel finden Sie hier.


Passender Kurzfilm zum Thema "Unsichere Bindung und Depression"
The New York Attachment Consortium. The Ainsworth Strange Situation, 16.11.2010
Den Kurzfilm finden Sie hier.




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Seite zuletzt geändert am: 16.04.2012 09:37:00, ursprünglich angelegt am: 11.04.2012 08:37:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos






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