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Startseite : Gesunde Kinder und Jugendliche : Beiträge - 2012 : Psychische Gesundheit mit in den Blick nehmen


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Psychische Gesundheit mit in den Blick nehmen


Mittwoch, 13. Juni 2012

Psychische Gesundheit mit in den Blick nehmen - Neue Richtlinien für die 'U'?


Bei den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt wird großes Gewicht auf die körperliche und geistige Entwicklung gelegt, und obwohl die Kinderärzte auch nach Verhaltensstörungen fragen, bleiben psychische und emotionale Störungen meistens eher unbeachtet. So soll es nicht bleiben. Deutsche Ärzte – und darunter insbesondere der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) – fordern, die „U“ entsprechend zu überarbeiten und die Richtlinien dahingehend zu verändern. Wie könnte die Umsetzung dieser Forderung aussehen? Lesen Sie dazu das Interview mit Professorin Dr. Ulrike Ravens-Sieberer (MPH), Forschungsdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. sowie mit Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ.


1. Was glauben Sie: Wie groß wären die Chancen, durch einen psychologischen Teil der "U" psychischen Störungen vorzubeugen? Könnten psychische Störungen zuverlässig erkannt werden? Ließen sich Chronifizierungen verhindern?

Ravens-Sieberer: Zunächst einmal: Ich habe den Begriff "Psychische Störungen" nicht so gern, denn hiermit sind zumeist ernsthafte psychische Erkrankungen gemeint ‑ um diese festzustellen, ist eine umfassende Diagnostik nötig, die die Kinderärzte in ihrer Praxis so sicher nicht leisten können. Ich würde lieber von "seelischen Problemen" oder "Auffälligkeiten" sprechen. Solche Auffälligkeiten könnten jedoch zuverlässig im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung gescreent und erkannt werden.

Hartmann: Der BVKJ fordert seit langem eine komplette Überarbeitung der Kinderfrüherkennungsuntersuchungen und hat entsprechende Vorschläge bereits seit vier Jahren in einem eigenen Vorsorgeprogramm vorgelegt - leider bisher ohne Resonanz auf Seiten der Politik. Wir arbeiten bereits jetzt im Rahmen der U7a, der U10, U11 und J2, die wir in Selektivverträgen mit verschiedenen Krankenkassen auf Bundes- und Landesebene vereinbart haben, mit standardisierten Fragebögen, die auch psychische Auffälligkeiten erfassen und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Ob sich Chronifizierungen langfristig vermeiden ließen, müsste in einer Versorgungsstudie geklärt werden. Wir sind gerne dazu bereit, allerdings findet sich bisher niemand, der eine solche Versorgungsstudie finanziert.


2. Wie könnte die Untersuchung aussehen, die psychische Auffälligkeiten bei der Vorsorgeuntersuchung ("U") erfassen soll? Würde man mit psychologischen Fragebögen (Checklisten) arbeiten und/oder mit einer psychologischen Anamnese?

Ravens-Sieberer: In der "U" könnten zum Beispiel bereits bekannte Screening-Instrumente verwendet werden. Das wären Fragebögen in der Art, wie wir sie aus den großen Studien kennen, wie zum Beispiel aus der KiGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts) und der in Hamburg in Kooperation mit dem Robert-Koch-Institut durchgeführten BELLA-Studie zur Erfassung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern. So etwas wäre sehr gut implementierbar. Damit könnte man beispielsweise ein sogenanntes "Ampelsystem" schaffen, bei dem man die Kinder in die Kategorien "unauffällig", "grenzwertig" oder "auffällig" einstufen könnte. Anhand des Ergebnisses könnte man die Eltern und Kinder gegebenenfalls an die richtigen Stellen weitervermitteln, zum Beispiel an eine psychologische Beratungsstelle oder Erziehungsberatungsstelle.


3. Um die Psyche stärker in die Vorsorgeuntersuchungen mit einzubeziehen, benötigen die Ärzte das Vertrauen der Eltern. Wäre es dazu nicht auch notwendig, die Arzt-Patienten-Gespräche besser zu honorieren? Wie würde der psychologische Teil der "U" honoriert werden?

Hartmann: Die Ausweitung der bisherigen Früherkennungsuntersuchungen zur frühen Erfassung von psychischen Auffälligkeiten kostet Zeit und Geld. Die Kassen sind im Kollektivvertrag bisher nicht bereit, mehr als 20 Minuten für eine Kinderfrüherkennungsuntersuchung zuzugestehen und zahlen dafür regional unterschiedlich maximal 35 €. Dafür ist eine Vorsorgeuntersuchung, die diesen Namen auch verdient, nicht zu machen. In unseren Selektivverträgen sind wir an die Grenze des Möglichen gegangen. Hier zahlen die Kassen 50 € pro Untersuchung, für die sehr zeitaufwändige J2 mit 16 bis 18 Jahren teilweise 75 €. Das ist eine akzeptable Honorierung.


4. Es gibt immer noch viele Vorbehalte gegenüber psychischen Erkrankungen. Eine bei der Vorsorgeuntersuchung gestellte körperliche Diagnose (z.B. "Skoliose") wird von den Eltern möglicherweise als weniger "bedrohlich" oder stigmatisierend empfunden als die Feststellung psychischer Probleme (z.B. "ADHS", Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom). Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Regelung in einigen Bundesländern, dass die Kindervorsorgeuntersuchung Pflicht ist?

Ravens-Sieberer: Die Verpflichtung zur Kindervorsorgeuntersuchung halte ich für sehr wichtig, denn anders wird man kein umfassendes Bild vom Zustand der Kinder in der Bevölkerung erhalten. Nur so erreicht man auch die Eltern, die sonst mit ihren Kindern nicht zum Arzt gehen würden. Es gibt ja immer die Angst, dass Kinder, denen es schlecht geht, nicht entdeckt werden und dass sie dann ein schreckliches Schicksal haben. Durch die Verbindlichkeit zur "U" könnte dieses Risiko reduziert werden. Natürlich fühlen sich vielleicht manche Eltern dadurch "kontrolliert". Doch ich bin sicher: Wenn die Verpflichtung einmal eingeführt ist, dann wird das auch gut funktionieren.

Hartmann: Es gibt ja keine wirklichen Pflichtuntersuchungen, es gibt lediglich in einigen Bundesländern eine gewisse Verbindlichkeit, die aber für säumige Eltern so gut wie keine Konsequenzen hat. Ein Problem könnte die Dokumentation im Vorsorgeheft sein, deshalb drängen Patientenvertreter derzeit auf eine Abschaffung des Vorsorgeheftes, damit das Kind später in Kindergarten und Schule keine Nachteile hat. Aus unserer Sicht ist dazu zu sagen, dass weder Kindergarten noch Schule ein Recht auf Einblick in das Vorsorgeheft haben. Herr über die Gesundheitsdaten ihrer Kinder sind immer noch die Eltern. Lediglich bei Impfbüchern sehen wir da eine Ausnahme.


5. Würden die Kinderärzte den psychologischen Teil der Kindervorsorgeuntersuchung selbst durchführen? Oder wäre eine Zusammenarbeit mit einer psychologischen Fachkraft notwendig, der die Kinder zu den U-Terminen dann vorgestellt würden?

Ravens-Sieberer: Der psychologische Teil wäre ein ganz normaler Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung. Man könnte die Untersuchung vergleichen mit einem Screening auf Hör- oder Sehstörungen - hier werden die Kinder ja auch in der "U" untersucht und dann zu einem Augen- oder Ohrenarzt weitervermittelt. Der Arzt würde bei Auffälligkeiten also vorschlagen, dass die Eltern zusammen mit dem Kind einen Experten sehen. In manchen Bundesländern gibt es schon Vorkonzepte, wie so ein Hilfesystem aussehen könnte. Manchmal reicht es sicherlich schon, auf die Unsicherheiten der Eltern einzugehen und sie zum Beispiel bei Fragen zu Problemen mit ihren Kindern zu beraten.

Hartmann: Standardisierte psychologische Testverfahren außerhalb der von uns bereits jetzt im Rahmen der Selektivverträge genutzten Elternfragebögen sehen wir sehr kritisch. Dafür gibt es nach heutigen Erkenntnissen keine Indikation. Dies würde zu einer Pathologisierung unserer Kinder führen, die nicht verantwortbar ist.


6. Eine psychologische Untersuchung erfordert besondere Kompetenzen. Müssten sich die Kinderärzte weiterbilden, um die psychologische Untersuchung durchführen zu können? Oder müsste sogar die Weiterbildungsordnung erweitert werden, so dass die Kinderärzte besser auf die psychologische Untersuchung vorbereitet werden?

Ravens-Sieberer: Wenn man die "U" erweitert, bräuchte man auf jeden Fall ein Qualitätssicherungssystem und ein Angebot zur Kompetenzerweiterung. Wer so etwas anbieten könnte und in welcher Form, ist noch offen.

Hartmann: Die Diagnostik psychischer Auffälligkeiten ist Bestandteil pädiatrischer Weiterbildung. Differenzierte Diagnostik nach Auffälligkeiten im Rahmen der Basisdiagnostik ist Aufgabe von Spezialisten, entweder von Kinder- und Jugendärzten mit Zusatzqualifikation Psychotherapie, Psychosomatik oder von Kinder- und Jugendpsychiatern. Hier gibt es bereits heute eine enge fachliche Zusammenarbeit.


7. Psychische Störungen lassen sich nur behandeln, wenn die Patienten/die Eltern des Kindes Leidensdruck verspüren und zur Therapie motiviert sind. Glauben Sie, dass durch einen psychologischen Teil der "U" mehr Kinder/Eltern eine Psychotherapie beginnen würden?

Ravens-Sieberer: Es beginnen nicht notwendigerweise mehr Patienten eine Psychotherapie. Es muss auch gar nicht immer eine Psychotherapie sein. Oft wirken schon präventive Maßnahmen wie zum Beispiel eine gezielte Erziehungshilfe. Entscheidend ist das frühe Eingreifen im Sinne einer Hilfestellung.

Hartmann: Nein. Ob psychische Auffälligkeiten bei Kindern tatsächlich in einem therapiebedürftigen Ausmaß zugenommen haben, wird auch bei den Kinder- und Jugendpsychiatern sehr kontrovers diskutiert. Wir pathologisieren heute zu viel und setzen Maßstäbe an, die das sehr unterschiedliche Verhaltensspektrum von Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend berücksichtigen. Wirklich valide Untersuchungen dazu liegen in Deutschland bisher nicht vor, es wird viel gemutmaßt.
Wir sehen zunehmend Sozialisationsstörungen und pädagogische Defizite, es gibt aber keine Zunahme an wirklich intensiv behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.


Frau Prof. Ravens-Sieberer, Herr Dr. Hartmann, wir danken für dieses Gespräch.



Das Interview führten Dr. Beate Grossmann und Dr. Dunja Voos.




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Seite zuletzt geändert am: 13.06.2012 08:33:00, ursprünglich angelegt am: 11.06.2012 11:33:00
Autor/-in der Seite: Dr. Beate Grossmann






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