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Viele alte Menschen leiden an großer innerer Not


Dienstag, 24. Juli 2012

Psychotherapie hilft auch alten Menschen


Älterer Mann traurigJunge Menschen machen heute fast wie selbstverständlich eine Psychotherapie. Viele alte Menschen hingegen würden nicht im Traum daran denken, überhaupt danach zu fragen. Das Bild, das sie von den "Seelenklempnern" haben, erinnert oft noch an die Psychiatrie der 50er und 60er Jahre. Aber auch Ärzte denken häufig nicht daran, einem alten Menschen eine Psychotherapie zu empfehlen. Dabei ist Psychotherapie auch bei Älteren durchaus wirksam.

Der Psychologe Larry Thompson (Universität Stanford, Kalifornien) veröffentlichte mit seinen Kollegen bereits im Jahr 1987 eine interessante Studie, die zeigt, dass Psychotherapie bei alten Menschen Depressionen lindern kann: An der Studie nahmen 91 ältere Patienten teil. Hiervon wurden 20 Teilnehmer in eine 6-wöchige Wartegruppe eingeteilt, die als Kontrollgruppe diente. Die übrigen Patienten wurden für 16-20 Stunden entweder mit behavioraler Verhaltenstherapie, kognitiver Verhaltenstherapie oder psychodynamischer Psychotherapie behandelt. Am Ende der Psychotherapiephase zeigten die behandelten Patienten eine Besserung ihrer Symptome, wohingegen bei den nicht-behandelten Studienteilnehmern keine Besserung festzustellen war. 52% der Behandelten fühlten sich besser, bei 18% war ein signifikanter Rückgang der Depression festzustellen. Alle drei Therapieformen waren gleich effektiv.

Auch der Psychiater Jason Hepple vom Somerset Partnership NHS and Social Care Trust, Großbritannien, beschreibt in seiner Übersichtsarbeit "Psychotherapies with older people" (Psychotherapie mit älteren Menschen, 2004), wie gut älteren Menschen eine psychotherapeutische Behandlung helfen kann. Wenn man bedenkt, dass Depressionen in Verdacht stehen, das Risiko für eine Demenz zu erhöhen (Geerlings et al. 2008, Stolze 2011), dann können Psychotherapien hier möglicherweise auch präventiv wirken.


Neues Denken ist gefragt
Die Redakteurin Petra Bühring berichtet in ihrem Artikel "Vorbehalte in den Köpfen" im Deutschen Ärzteblatt (Juli 2012), wie sich die Situation bei alten Menschen darstellt: Nach Angaben des Zürcher Psychologen Professor Dr. Dr. Andreas Maercker seien immerhin 20% der alten Menschen von depressiven Störungen und Schlafstörungen betroffen. Die Gerontologin Professor Dr. Dr. Ursula Lehr erklärte, dass nur 1,5% der über 60-Jährigen in Deutschland eine Psychotherapie erhielten.

Oftmals seien junge Ärzte resigniert - sie glauben, bei den älteren Menschen könne Psychotherapie nicht mehr helfen, weil zum Beispiel die äußeren Lebensumstände nur noch schwer zu verändern seien, schreibt die britische Psychiaterin Jane Garner in ihrem Artikel "Psychodynamic work and older adults" (2002). Doch bereits 1996 hätten einige offene Studien und Fallstudien gezeigt, dass psychodynamische Therapien bei älteren Menschen wirksam seien. Bei dem alleinigen Blick auf randomisiert-kontrollierte Studien würden diese wertvollen Studien jedoch oft außer Acht gelassen, so Garner.

Häufig mag auch die "ungeheuerliche Vergangenheit" der alten Menschen eine Rolle dabei spielen, dass Ärzte und Psychologen keine Psychotherapie in Betracht ziehen. Es ist für junge Therapeuten nicht immer leicht, sich den Erfahrungen der Älteren zu stellen. Eigene Ängste vor dem Älterwerden oder die Rollenumkehr - "Jung hilft Alt" - können den jüngeren Therapeuten Probleme bereiten (Radebold 2006).


Viele alte Menschen leiden an großer innerer Not
Die Kölner Autorin Sabine Bode beschäftigt sich intensiv mit der Kriegsvergangenheit älterer Menschen. Sie beschreibt in ihren Büchern "Kriegskinder" und "Kriegsenkel", wie viele Menschen bis heute unter den Folgen des Krieges leiden. Ältere Menschen hätten oft unvorstellbares Leid erlebt, in denen es um Leben und Tod ging. Vergewaltigungen, Gewalt und Trennungen haben bei vielen oft schmerzhafte Wunden hinterlassen, ohne dass die alten Menschen diese entscheidenden Erlebnisse jemals ausgesprochen hätten. Natürlich erzählen sie ihren Kindern und Enkeln immer wieder ähnliche Geschichten ihrer Kriegsvergangenheit. Doch entscheidende Traumata werden nicht selten verdrängt, ausgeblendet und unbewusst weitergegeben. Die erschreckenden Bilder und Erinnerungen kehren im Alter allerdings häufig zurück. Manchen bleibt da scheinbar nur die Möglichkeit, sich in einen Dämmerzustand oder in Süchte zurückzuziehen. Doch bei allen Einschränkungen des Alters: Die Möglichkeit, endlich nachträgliche Zeugen für schreckliche Erlebnisse der Vergangenheit zu finden, trägt oft zu großer Erleichterung bei. Hier kann Psychotherapie bei vielen sicher das psychische Wohlbefinden steigern. Und auch bei aktuellen Trennungserlebnissen wie zum Beispiel dem Tod des Ehepartners oder der engsten Freunde kann der Psychotherapeut für ältere Menschen ein wertvoller Begleiter sein.


 

 

Quellen:

Bode, Sabine (2011): Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart: Klett-Cotta, 8. Auflage. Link

Stolze, Cornelia (2011): Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über die Krankheit, die keine ist. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Link
Das Blog zum Buch. Link

Bühring, Petra (2012): Psychotherapie älterer Menschen: Vorbehalte in den Köpfen. PP 11, Juli 2012, Seite 296.
Den Artikel finden Sie hier.

Garner, Jane (2002): Psychodynamic work and older adults. Advances in Psychiatric Treatment, 8: 128-135, doi: 10.1192/apt.8.2.128.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier oder hier als PDF-Datei.

Geerlings, Mirjam et al. (2008): History of depression, depressive symptoms, and medial temporal lobe atrophy and the risk of Alzheimer disease. Neurology, 70 (15): 1258-1264.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Hepple, Jason (2004): Psychotherapies with older people: an overview. Advances in Psychiatric Treatment, 10: 371-377, doi: 10.1192/apt.10.5.371.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier oder hier als PDF-Datei.

Radebold, Hartmut (2006): Psychotherapie mit Älteren: Zielsetzungen, Möglichkeiten und Grenzen. Psychotherapie Forum, Volume 14, Number 1 (2006), 12-16, doi: 10.1007/s00729-006-0128-3.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Thompson, Larry W.; Gallagher, Dolores; Breckenridge, Julia S. (1987): Comparative effectiveness of psychotherapies for depressed elders. Journal of Consulting and Clinical Psychology, Vol 55(3), Jun 1987, 385-390. doi: 10.1037/0022-006X.55.3.385.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.


Buchtipps:

Fuchsberger, Joachim (2011): Altwerden ist nichts für Feiglinge. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Link

Mitscherlich-Nielsen, Margarete (2010): Die Radikalität des Alters. Einsichten einer Psychoanalytikerin. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. Link

Stolze, Cornelia (2011): Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über die Krankheit, die keine ist. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Link
Das Blog zum Buch. Link

Kipp, Johannes (Hg.) (2008): Psychotherapie im Alter. Gießen: Psychosozial-Verlag. Link




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Seite zuletzt geändert am: 24.07.2012 08:22:00, ursprünglich angelegt am: 23.07.2012 14:22:00
Autor der Seite: Dr. Dunja Voos