Misshandlung und Vernachlässigung hinterlassen oft lebenslange Spuren


Dienstag, 4. September 2012

Eltern-Kind-Interventionen stärken die Bindung und beugen Misshandlungen vor


Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit hinterlassen oft lebenslange Spuren. Kann das Kind keine sichere Bindung aufbauen, sind auch zukünftige Beziehungen des Kindes oft unbefriedigend. Eine Eltern-Kind-Psychotherapie kann hier helfen und vorbeugen. Sheree L. Toth und Julie Gravener vom Mount Hope Family Center in Rochester, New York, USA, geben einen Überblick über bisherige Erkenntnisse.

Wenn gesunde Kleinkinder sich für kurze Zeit von ihrer primären Bezugsperson, in den meisten Fällen ist das die Mutter, trennen müssen, zeigen sie normalerweise ein typisches Verhalten: Sie weinen, wenn sie weggeht und lassen sich von ihr beruhigen, wenn sie wiederkommt. So reagieren sogenannte "sicher gebundene" Kinder. Hingegen sind Kinder, deren primäre Bezugspersonen sich nicht gut auf sie einstellen können oder Gewalt ausüben, häufig "unsicher gebunden". Kehrt die Mutter nach einer Trennung zurück, lassen sie sich kaum von ihr beruhigen. Solche Kinder weisen ihre Mutter ab, verhalten sich gleichgültig oder betrachten sie ängstlich. Im schlimmsten Fall ist die Beziehung so gestört, dass die Kinder "desorganisiert" sind. Sie zeigen ein unberechenbares, oft bizarres, unstrukturiertes Verhalten.

Diese Einteilungen gehen zurück auf die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary S. Ainsworth (1913-1999), die zusammen mit dem britischen Psychoanalytiker John C. Bowlby (1907-1990) die sogenannte "Bindungstheorie" entwickelte. Unsicher gebundene Kinder fühlen sich oft ungeliebt und haben negative Vorstellung von sich selbst und anderen. Sie entwickeln sogenannte negative "Selbst-" und "Objektrepräsentanzen". Das kann zu unglücklichen Beziehungen, Einsamkeit und Depressionen in der Zukunft führen.

Interventionen, welche die Mutter-Kind-Bindung fördern, sind also von großer Bedeutung - möglicherweise können sie diesen negativen Entwicklungen vorbeugen.


Das Projekt "STEEP"
Solch ein Eltern-Kind-Programm ist zum Beispiel "STEEP - Steps toward effective enjoyable parenting". Dieses Projekt ist aus der "Minnesota-Längsschnittstudie über Eltern und Kinder" erwachsen. Die Minnesota-Längsschnittstudie begann bereits 1975. Seither werden Eltern-Kind-Paare wissenschaftlich begleitet. Das STEEP-Programm besteht aus Hausbesuchen und Gruppensitzungen. Mütter bekommen sowohl Einzelgespräche mit dem Therapeuten angeboten als auch auch Mutter-Kind-Sitzungen. Die Therapeuten vermitteln den Eltern dabei Wissen über die Bindungstheorie und die Entwicklung ihrer Kinder. Studien konnten zeigen, dass die elterliche Sensitivität durch STEEP ansteigt. Allerdings ließen sich bei STEEP keine Veränderungen der Mutter-Kind-Bindung feststellen. (Projektleiter des STEEP-Projektes in Deutschland ist Dr. Gerhard Suess, Link)


Circle of Security Intervention
Ein anderes, auf der Bindungstheorie basierendes Projekt, ist der "Circle of Security Intervention". Hier trifft man sich in kleinen Gruppen über 20 Sitzungen. Die Eltern werden zum Thema Bindungstheorie geschult und schauen sich gemeinsam Lehrvideos über Mutter-Kind-Situationen an. Die Forscher konnten hier einen deutlichen Effekt auf die Bindungsqualität feststellen: 40% der Kleinkinder und Vorschüler mit einem desorganisierten Bindungsmuster vor der Intervention zeigten danach ein sicheres Bindungsverhalten. Zum "Circle of Security" (Link) finden international Schulungen statt - allerdings (noch) nicht in Deutschland.


ABC-Intervention
Das Projekt "Attachment and Biobehavioral Catch-up" (ABC) ist speziell für Pflegeeltern gedacht. Hier lernen die Pflegeeltern, dem Kind zugewandt zu bleiben, auch, wenn sie sich vom Kind zurückgestoßen fühlen. Außerdem können die Eltern ihre persönlichen wunden Punkte aus ihrer eigenen Geschichte aufarbeiten, damit sie der Beziehung zum Pflegekind nicht im Wege stehen. Auch diese Intervention hatte Einfluss auf das Bindungsverhalten: Die Pflegekinder zeigten nach der Intervention weniger vermeidendes Verhalten als Kinder aus einer Vergleichs-Edukationsgruppe. Außerdem verbesserten sich die Kortisolspiegel der Kleinkinder. Das ABC-Programm wurde von der Entwicklungspsychologin Mary Dozier, Universität Delaware, USA, entwickelt. Auch dieses Programm gibt es bisher in Deutschland nicht.


Eltern-Kind-Psychotherapie
Die US-amerikanische Psychoanalytikerin Selma Fraiberg (1918-1981) entwickelte die "Eltern-Kind-Therapie" (Child-Parent-Psychotherapy, CPP). Ihre Ansätze wurden von der amerikanischen Psychiaterin Alicia Lieberman und ihren Kollegen weiterentwickelt.

Auch diese Therapie hat ihre Ursprünge in der Bindungstheorie. Der "Patient" in der Behandlung ist weniger die Mutter oder das Kind, sondern die "Beziehung" zwischen den beiden. Während die Mutter mit dem Kind den Therapeuten besucht, achtet der Therapeut auf das Spiel des Kindes und auf die Beziehung, die Mutter und Kind miteinander eingehen. Ein besonderes Augenmerk legt der Therapeut auch auf die "Gespenster im Kinderzimmer", wie es Selma Fraiberg nannte. Damit sind zumeist negative Erfahrungen in der eigenen Kindheit gemeint, welche teilweise verdrängt wurden, die sich aber in der Beziehung zum Kind widerspiegeln.

Mutter und Kind erhalten in der Psychotherapie die Gelegenheit, sogenannte "korrigierende emotionale Erfahrungen" zu machen. Die Mutter, vom Therapeuten gestärkt, kann sich in einer neuen Weise auf ihr Kind einlassen. Selma Fraiberg war es sehr wichtig, dass die "Mutter bemuttert" wird, damit sie sich möglichst unbelastet ihrem Kind widmen kann. Mutter-Kind-Therapeuten sehen ihren "Patienten" jedoch auch in einem größeren Kontext. Heute haben einige Therapeuten auch die Rolle des Vermittlers zwischen der Familie und der Stadtgemeinde eingenommen; sie empfehlen den Müttern weitere Beratungsstellen und unterstützen sie dabei, die finanziellen Mittel zu erhalten, die ihnen zustehen.


Die Eltern-Kind-Therapie ist nachweislich wirksam
Im Jahr 2006 erforschten der Psychiater Dante Cicchetti und seine Kollegen von der Universität Minnesota, USA, ob die Mutter-Kind-Psychotherapie wirksam ist. Sie verglichen in einer randomisiert-kontrollierten Studie die Mutter-Kind-Psychotherapie mit einer Psychoedukation (= "Schulung") für Eltern und einer Standardgruppe aus der Stadtgemeinde. Es nahmen einjährige Kinder aus 137 Familien teil, die ihre Kinder misshandelten. Diese Kinder wurden auf die drei Studiengruppen verteilt. Zusätzlich gab es eine Kontrollgruppe, bestehend aus 52 Kindern aus nicht-misshandelnden Familien.

Das Ergebnis: Vor der Intervention waren 87,5% der Kleinkinder der Psychotherapiegruppe desorganisiert und 83,3% der Kinder der Psychoedukationsgruppe. Zum Follow-up nach 26 Monaten waren dies nur noch 32% bzw. 45% (Psychotherapie vs. Psychoedukation). Hingegen fand sich keine signifikante Veränderung in der Standard- und in der Kontrollgruppe.

Diese Ergebnisse zeigten, dass es sich lohne, Eltern-Kind-Psychotherapien auch außerhalb universitärer Einrichtungen verbreitet anzubieten, so Sheree L. Toth und Julie Gravener. Das sogenannte "Building Healthy Children Program" (BHC) ist ein solches Projekt. Es wird am Mount Hope Family Center durchgeführt, einer Einrichtung der Universität Rochester im Staat New York, USA. Zusammen mit Anbietern der Gemeinde, der Regierung und privaten Sponsoren konnte das Projekt gegründet werden. Es hilft jungen Frauen, die vor dem 22. Lebensjahr ein Baby bekommen haben.



Zusatzinformationen


Nationales Zentrum Frühe Hilfen
Seit dem Jahr 2007 gibt es in Deutschland das "Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH)". Das Zentrum wird gebildet von der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)" (Link) in Köln und dem "Deutschen Jugendinstitut (DJI)" (Link) in München. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen baut zur Zeit Strukturen auf, die dafür sorgen, dass Eltern von der Schwangerschaft an bis mindestens zum Ende des ersten Lebensjahres ihres Kindes begleitet werden. Dazu gehören zum Beispiel Familienhebammen, die junge Familien über ein Jahr lang begleiten, Hausbesuche, Elternschulungen, Babysprechstunden und Informationsmaterial ("Begrüßungspaket"). Grundlage des NZFH bildet das seit dem 1.1.2012 gültige Bundeskinderschutzgesetz. Das Projekt ist ein Aktionsprogramm des Familienministerums namens "Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme" (Link). Bis Ende 2015 stehen dem Zentrum 177 Millionen Euro zum weiteren Ausbau zur Verfügung. Informationen zum regionalen Netzwerk Frühe Hilfen sind beim örtlichen Gesundheits- oder Jugendamt erhältlich.
Eine Übersicht über alle Projekte der Frühen Hilfen, die zur Zeit erforscht werden, enthält die "Forschungsdatenbank Frühe Hilfen (FORKID)". Link


SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern
In Deutschland bekannt ist das auf der Bindungstheorie basierende Projekt "SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern". Es wurde von dem Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch, Universität München, ins Leben gerufen. SAFE® spricht werdende Eltern ab dem 7. Schwangerschaftsmonat an und begleitet sie im gesamten ersten Lebensjahr des Kindes. Die Kurse finden innerhalb einer geschlossenen Gruppe statt. Wo und wann Kurse im deutschsprachigen Raum angeboten werden, ist auf der SAFE-Website aufgelistet. Link


Quellen

Toth, Sheree L.; Gravener, Julie (2012): Review: Bridging research and practice: relational interventions for maltreated children. Child and Adolescent Mental Health Volume 17, No 3, 2012, pp 131-138
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.
Informationen zu Sheree L. Toth finden Sie hier.
Informationen zu Julie Gravener finden Sie hier.

Suess, G.J.; Bohlen, U.; Mali, A.; Frumentia Maier, M. (2010): Erste Ergebnisse zur Wirksamkeit Früher Hilfen aus dem STEEP-Praxisforschungsprojekt "WiEge" BUNDESGESUNDHEITSBLATT - GESUNDHEITSFORSCHUNG - GESUNDHEITSSCHUTZ. Volume 53, Number 11 (2010), 1143-1149, DOI: 10.1007/s00103-010-1145-5
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.


Weitere Links

  • Beratungsangebote für Eltern: Gesellschaft für die seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH) Link
  • SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern Link
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen: Wie Elternschaft gelingt (WIEGE - STEEPTM)Link
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen Link
  • Forschungsdatenbank Frühe Hilfen (FORKID) Link
  • Circle of Security International. Early Intervention Program for Parents and Children Link
  • Attachment and Biobehavorial Catch-up Intervention (ABC-Intervention) Link
  • Mount Hope Family Center Link
  • Video des New York Attachment Consortiums: "Strange Situation Experiment" Link
  • Alicia Lieberman, University of California San Francisco Link
  • Mary Dozier, Universität Delaware Link




Seite zuletzt geändert am: 04.09.2012 08:43:00, ursprünglich angelegt am: 31.08.2012 08:43:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos