Startseite : Psychische Gesundheit : Beiträge - 2012 : Leichte psychische Probleme

Die Psyche rückt stärker ins Blickfeld


Donnerstag, 6. September 2012

Schon leichte psychische Probleme können krank machen


Angststörungen erhöhen das Risiko für koronare Herzerkrankungen, Einsamkeit kann den Blutdruck steigern und schwere Depressionen sind mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden. Dies sind nur wenige Beispiele für "psycho-somatische" Zusammenhänge. Doch es müssen nicht immer die schweren psychischen Belastungen sein, die mit körperlichen Erkrankungen assoziiert sind. Schottische Forscher haben herausgefunden, dass schon geringe psychische Belastungen mit einem erhöhten Krankheitsrisiko einhergehen.

Der Psychologe Tom C. Russ, Universität Edinburgh, Schottland, und seine Kollegen gingen der Frage nach, ob und inwieweit psychische Belastungen mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden sind. Die Autoren werteten die Daten von 68.222 Personen aus, die in der Zeit von 1994 bis 2004 an insgesamt 10 Studien des Englischen Gesundheitssurveys teilgenommen hatten. Die Studienteilnehmer waren zu Studienbeginn durchschnittlich 55 Jahre alt (Range: 35-102 Jahre). Daten zur Mortalität standen bis zum Jahr 2008 zur Verfügung.

Die psychische Belastung der Studienteilnehmer wurde jährlich im Rahmen von Hausbesuchen mithilfe des "General Health Questionnaire 12" (GHQ-12) erfasst. Das GHQ-12 gibt Hinweise auf Angststörungen, Depressionen, Schwierigkeiten im sozialen Leben und eine Schwächung des Selbstvertrauens. Der Fragebogen enthält 12 Items mit jeweils vier Antwortmöglichkeiten (von 0 = "gar nicht" bis 4 = "sehr"). Die Autoren teilten die Studienteilnehmer je nach ihrer psychischen Belastung in vier Gruppen ein: Studienteilnehmer mit dem "Score 0" waren "symptomfrei", bei "Score 1-3" lag eine "subklinische Symptomatik" vor, Teilnehmer mit den Scores 4-6 galten als "symptomatisch" und Teilnehmer mit den "Scores 7-12" waren "stark symptomatisch".

In einem Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 8,2 Jahren starben insgesamt 8365 Studienteilnehmer. Eine kardiovaskuläre Todesursache fand sich bei 3382 Teilnehmern und ein karzinombedingter Tod bei 2552 Teilnehmern.


Je höher die psychische Belastung, desto höher das Mortalitätsrisiko
Tom Russ und sein Team fanden eine positive Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen psychischem Stress und Mortalitätsrisiko. Interessant dabei: Schon eine subklinische Belastung (Scores 1-3) führte zu einer Mortalitätssteigerung von 20%. Das Risiko, speziell an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben, war bei subklinischer Belastung bereits um 29% erhöht.

Subklinische Belastungen standen jedoch nicht in Zusammenhang mit der Krebsmortalität. Erst bei einer Stressbelastung ab "Score 6" erhöhte sich das Risiko der Krebsmortalität. Studienteilnehmer mit GHQ-12-Scores zwischen 6 und 12 hatten ein um 41% erhöhtes Risiko, an einem Karzinom zu sterben. Dabei stellten die Autoren einen signifikanten Ursachen-Wirkungs-Zusammenhang fest.

Die Forscher haben für diese Zusammenhänge verschiedene Erklärungsansätze: Zum einen können psychische Belastungen direkt zu körperlichen Veränderungen führen. Beispielsweise verengen sich in psychisch belastenden Situationen die Herzgefäße (Brotman et al. 2007) und es zeigen sich Veränderungen in der Regulation der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse), also in der Cortisol-Ausschüttung. Zum anderen kann jedoch auch der Lebensstil zum Mortalitätsrisiko beitragen - wer sich psychisch nicht gut fühlt, neigt dazu, sich weniger zu bewegen, sich zurückzuziehen, mehr zu rauchen, sich ungesund zu ernähren und Alkohol zu trinken. Auch die Einnahme von Medikamenten, unter anderem von Antidepressiva, beeinflusst das kardiovaskuläre System.

Bei der Entstehung von Karzinomen werden epigenetische Erklärungsmodelle diskutiert. Studien konnten inzwischen zeigen, dass verschiedene Umweltbedingungen - und dazu gehören auch menschliche Zuneigung oder Aggression - die Genetik verändern können. Äußere Einflüsse bestimmen mit, welche Gene abgelesen und welche Eiweiße produziert werden. Eine Fülle von Informationen hierzu liefert das "Epigenom Exzellenznetz" (Link sowie Pishva et al. 2012, Unternaehrer&Luers et al. 2012).


Die Psyche rückt stärker ins Blickfeld
Aus den Ergebnissen der jüngsten Studien zum Zusammenhang zwischen seelischer Belastung und körperlicher Erkrankung ergeben sich möglicherweise neue Schwerpunkte in der Gesundheitsprävention. Nachdem lange die "körperliche Fitness" in der Medizin im Vordergrund stand, könnte sich jetzt das Bewusstsein dafür schärfen, wie wichtig das psychische Wohlbefinden auch für die körperliche Gesundheit ist. Widrige Lebensumstände wie Armut, Arbeitslosigkeit, hohe Belastungen im Beruf oder soziale Isolation wirken sich negativ auf das seelische Wohlbefinden und damit auch auf die körperliche Gesundheit aus. Interventionen, die der psychischen Gesundheit dienen, könnten möglicherweise ein stärkeres Gewicht bekommen.

Einige Entwicklungen in diese Richtung sind schon erkennbar: Beispielsweise setzt sich das "Nationale Zentrum Frühe Hilfen" dafür ein, dass Kinder und Eltern bereits in der Anfangszeit psychosozial unterstützt werden. Informationen zur psychischen Gesundheit sind heute leichter erhältlich als noch vor einigen Jahren. Auch, wenn es heute noch schwierig sein kann, über psychische Belastungen zu sprechen, so ist es doch oft nichts Ungewöhnliches mehr, aufgrund von seelischem Leid wie Burnout, Ängsten oder Depressionen einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Förderung der psychischen Gesundheit bedeutet auch, die körperliche Gesundheit zu stärken. So bleibt der Ausspruch von Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897): "Vergesst mir ja die Seele nicht!" hochaktuell.



Literatur und Links

Brotman, DJ; Golden, SH; Wittstein, IS (2007): The cardiovascular toll of stress.Lancet. 2007 Sep 22;370(9592):1089-1100.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Chen, Yi-Hua; Lin, Herng-Ching (2011): Increased risk of cancer subsequent to severe depression - a nationwide population-based study. Journal of Affective Disorders, Volume 131, Issues 1-3, June 2011, Pages 200-206.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Hawkley, Louise et al. (2006): Loneliness is a unique predictor of age-related differences in systolic blood pressure. Psychology and Aging 2006, Mar 21 (1): 152-164.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Pishva, Ehsan et al. (2012): Epigenetic epidemiology in psychiatry: A translational neuroscience perspective Translational Neuroscience, Volume 3, Number 2 (2012): 196-212. DOI: 10.2478/s13380-012-0024-y.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Ripke, Annekatrin Asja (2007): Experimentelle Studie zur Thrombozytenaktivierung durch psychisch induzierten Stress bei Patienten mit vermehrten Ängsten. Dissertation, Universität zu Lübeck, 2007.
Informationen zur Studie finden Sie hier.
Die vollständige Studie als PDF-Datei finden Sie hier.

Russ, Tom C. et al. (2012): Association between psychological distress and mortality: individual participant pooled analysis of 10 prospective cohort studies. British Medical Journal 2012; 345: e4933. Published online 2012 July 31. doi: 10.1136/bmj.e4933.
Das Abstract und den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Den vollständigen Artikel als PDF-Datei finden Sie hier.

Smoller, Jordan et al. (2007): Panic Attacks and Risk of Incident Cardiovascular Events Among Postmenopausal Women. Archives of General Psychiatry 2007.
Das Abstract und den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Den vollständigen Artikel als PDF-Datei finden Sie hier.

Unternaehrer, Eva; Luers, Petra et al. (2012): Dynamic changes in DNA methylation of stress-associated genes (OXTR, BDNF) after acute psychosocial stress.Translational Psychiatry (2012) 2, e150; doi:10.1038/tp.2012.77, Published online 14 August 2012.
Das Abstract und den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Den vollständigen Artikel als PDF-Datei finden Sie hier.

Walters, Kate et al. (2008): Panic disorder and risk of new onset coronary heart disease, acute myocardial infarction, and cardiac mortality. European Heart Journal, October 2008.
Das Abstract und den vollständigen Artikel finden Sie hier.
Den vollständigen Artikel als PDF-Datei finden Sie hier.

Epigenom Exzellenznetz  Link


Dieser Beitrag gefällt 41 Person(en)


Seite erstellt am: 06.09.2012 08:23:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos