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Einfluss von Beförderungen auf psychische Gesundheit und Stresserleben


Dienstag, 16. Oktober 2012

Beförderung als Psychofalle? - Zwei Studien zeichnen ein differenziertes Bild


Interessantere Aufgaben, mehr Spaß an der Arbeit und eine bessere Bezahlung – beruflicher Aufstieg hat ein positives Image, nicht nur in Deutschland. Zwei Studien haben nun unter sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten untersucht, welchen Einfluss Beförderungen auf die psychische Gesundheit und das Stresserleben der Aufsteiger haben - und kommen dabei zu nur scheinbar widersprüchlichen Ergebnissen.

So ergab eine Untersuchung australischer Wissenschaftler, dass nach einem Aufstieg langfristig negative Effekte wie mehr Stress und eine höhere subjektiv empfundene Belastung drohen. Zusammen mit den normalerweise längeren Arbeitszeiten hebeln sie die positiven Effekte einer Beförderung - höheres Einkommen und verbesserter sozialer Status - aus. Die Forscher konnten auf detaillierte Angaben zum Arbeitsplatz, zur Gesundheit und zur Lebenszufriedenheit von rund 2.000 Vollzeitbeschäftigten im Alter von 18 bis 64 Jahren zurückgreifen. Diese waren vor einer Beförderung und über einen Zeitraum von zehn Jahren danach befragt worden. Nach spätestens drei Jahren war die Freude über den Karriereschub verflogen: Jobzufriedenheit, das subjektive Gefühl, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und das Gefühl, angemessen bezahlt zu werden, sanken auf das Niveau vor der Beförderung. Die Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und die Lebenszufriedenheit waren zwar gering. Langfristig aber, so das wichtigste Ergebnis, litt die psychische Gesundheit der Aufsteiger, die häufiger über Stress klagten. Möglicherweise, so gestehen die Forscher allerdings zu, gilt dies nur für den durchschnittlichen Arbeiter.


Kontrolle als Stresskiller
Einen anderen Aspekt des Zusammenhangs zwischen Aufstieg und Stress untersuchte Jennifer Lerner von der Harvard University (USA). Mit ihrer Forschungsgruppe ging auch sie von der Alltagserfahrung aus, dass Führungskräfte nach einem Aufstieg höhere Anforderungen meistern müssen und deshalb ein höherer Stresslevel zu erwarten wäre. Bei der empirischen Überprüfung allerdings entdeckten die Forscher: Entscheidend für den Stresspegel war, ob die Teilnehmer das Gefühl hatten, durch den Aufstieg mehr Kontrolle am Arbeitsplatz zu haben als vor der Beförderung. Dass das Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben, ein wichtiger stressreduzierender psychologischer Faktor ist, ist seit Langem bekannt. Und tatsächlich ergab die Untersuchung, dass Top-Führungskräfte aus Industrie, Militär und Regierung niedrigere Werte des Stresshormons Cortisol aufwiesen und weniger häufig von Angst berichteten als Probanden mit niedrigerem Status. Zwar kann die Studie nicht eindeutig klären, ob weniger stressanfällige Personen häufiger in die oberste Führungsebene aufsteigen oder ob der Aufstieg in die höchste Führungsebene selbst gelassener macht. So wäre denkbar, dass Vertreter der mittleren Führungsebene nach einer Beförderung hierarchiebedingt weniger Entlastung durch höhere Eigenkontrolle erfahren als Top-Entscheider. Klar aber ist, dass es nicht ausschließlich hohe Anforderungen und große Verantwortung sind, die im Beruf belasten.



Quellen

Johnston, David; Lee, Wang-Sheng: Extra Status and Extra Stress: Are Promotions Good for Us? IZA Discussion Paper No. 6675.
Den vollständigen Artikel können Sie hier herunterladen.

Shermana, Gary D. et al (2012): Leadership is associated with lower levels of stress. PNAS Proceedings oft he National Academy of Scienes oft he United States of America. Published online (September 2012).
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.




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Seite zuletzt geändert am: 16.10.2012 08:10:00, ursprünglich angelegt am: 11.10.2012 08:50:00
Autor/-in der Seite: Sabine Kurz