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Kinder und Jugendliche werden heute immer häufiger mit Ritalin behandelt


Dienstag, 16. April 2013

ADHS: Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie rüttelt wach


Fröhliche Kinder"ADHS – Eine Kinder- und Jugendgeneration wird krankgeschrieben. Gegen die Medikalisierung eines gesellschaftlichen Problems durch Psychopharmaka und Methylphenidat!" – zu diesem Thema hat die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP) ein Positionspapier vorgelegt.

Kinder und Jugendliche werden heute immer häufiger mit Methylphenidat (Ritalin) behandelt. Methylphenidat ist ein sogenanntes "Psychostimulans", das heißt, es wirkt bei ausgeglichenen Menschen aufputschend. Unruhige Menschen werden davon jedoch ruhiger, daher wird Methylphenidat zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) eingesetzt. Wurden im Jahr 2001 "nur" 16 Millionen definierte Tagesdosen (DDD) Methylphenidat in Deutschland verordnet, so waren es im Jahr 2010 bereits 56 Millionen DDD. Entsprechend stieg auch die Zahl der mit ADHS diagnostizierten Kinder: 1995 wurden knapp 5000 Fälle in Deutschland diagnostiziert; im Jahr 2012 waren es bereits ca. 600.000 Fälle. Das große Problem dabei: Methylphenidat ist nicht harmlos. Zu den Nebenwirkungen gehören "Wachstumsstörungen, ... Tics, Angst, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Psychosen, depressive Verstimmung, Hirnblutungen, ... Leberfunktionsstörungen, ... Unruhe, Aggressivität, Herzrhythmusstörungen, ... Suizidalität" und andere (S. 10).


Viele Kinder glauben, sie könnten nur mithilfe der Tabletten funktionieren

Aus psychologischer Sicht problematisch ist der Mechanismus, dass viele Kinder glauben, sie könnten nur noch mithilfe der Medikamente sozial angepasst "funktionieren" - so vermindert sich ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit und des Selbstwertes, was wiederum den Weg zu Suchtverhalten ebnen kann. "Die Nebenwirkungen werden gegenüber Eltern und Lehrern verharmlost", schreibt die DGSP in ihrem Positionspapier. Doch die Pharma-Industrie sei stark im Marketing. Sie sponsert zum Beispiel Selbsthilfegruppen zu ADHS oder Ärztefortbildungen. Außerdem führt sie einen Großteil der öffentlichen Aufklärungsarbeit durch, wobei sie wichtige Informationen oft nicht weitergebe, so die DGSP.

So wird zum Beispiel häufig über die "Multimodal Treatment Study of Children with ADHD (MTA-Studie)" berichtet, aus der hervorging, dass die Kombination aus Verhaltenstherapie und Methylphenidat die beste Therapie zur Minderung der ADHS-Symptome sei. Wenig zu hören ist jedoch von einer Nachuntersuchung durch die Forscher Molina et al. Hier zeigte sich: Jugendliche, die 14 Monate lang mit Methylphenidat behandelt wurden, griffen 36 Monate später öfter zu Drogen und waren öfter strafanfällig als die Jugendlichen, die kein Methylphenidat erhalten hatten.

Zudem zeigten eine Studie der Universität Michigan, USA, und eine kanadische Studie, dass bei Kindern oft dann fälschlicherweise ADHS diagnostiziert wird, wenn sie zu früh eingeschult werden. Da die jungen Kinder entwicklungsbedingt in der Schule überfordert sind, werden sie ängstlich und unruhig. In der nächsthöheren Klassenstufe spitzt sich die Überforderungssituation zu, sodass die Kinder schnell mit der Diagnose "ADHS" versehen werden.

Eine weitere entscheidende Information, die nur selten weitergegeben wird, ist das Ergebnis einer schwedischen Studie mit 7.960 Schulkindern aus dem Jahr 2006. Im Vergleich zu 1,1 Millionen Kindern zeigte sich: Die von ADHS betroffenen Kinder hatten oft Mütter mit einem niedrigen Bildungsstand. Sehr häufig waren es Kinder von alleinerziehenden Müttern, oft waren die Eltern psychisch krank oder die Familien bezogen Sozialunterstützung vom Staat. Hier wurde deutlich: ADHS-Symptome treten oft dann auf, wenn die Kinder aus überforderten Familien stammen. Die DGSP kommt zu dem Schluss: "Die 'Diagnose' ADHS und die Gabe von Psychostimulanzien weisen demnach eher auf das Vorhandensein belastender psychosozialer Bedingungen hin als auf eine 'Krankheit'" (S. 14). Außerdem: "Es sind vermehrt Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die Medikamente bekommen" (S. 15).


Der Vergleich von ADHS mit Diabetes ist irreführend

Trotz solcher Zusammenhänge entsteht in der Öffentlichkeit durch die Informationsangebote der Pharmaindustrie häufig der Eindruck, bei ADHS handele es sich vorrangig um ein "Dopaminmangelsyndrom" des Gehirns. Die DGSP schreibt hierzu: "Es ist abwegig und grob irreführend, bei ADHS einen physiologischen Bedarf für Methylphenidat zu postulieren ähnlich dem Insulinbedarf bei Diabetes" (S. 15).

Das Positionspapier macht eines deutlich: Informationen zu ADHS sind überall verfügbar, doch entscheidende Informationen fehlen häufig. Angesichts der Probleme, die mit der Gabe von Methylphenidat zusammenhängen, besteht die Prävention heute darin, darüber aufzuklären, dass familiäre Belastungen sowie innere und äußere Überforderungen zu ADHS-Symptomen führen können.


Schnelle Hilfe, aber dann Geduld!

Was die betroffenen Kinder, ihre Eltern und Lehrer brauchen, ist die - im Idealfall rasche - "Zusicherung verlässlicher Hilfe". Und dann ist Geduld gefragt. "Es kommt also darauf an, dass therapeutische Helfer Eltern und Schule entlasten und die notwendige Geduld repräsentieren, die die unmittelbar Beteiligten in der akuten Situation nicht selbst entwickeln können, und dabei gleichzeitig therapeutischen Optimismus vermitteln", schreibt die DGSP. Dieser "therapeutische Optimismus" ist entscheidend. Denn bei wirklich passenden Hilfsangeboten besteht die Aussicht auf deutliche Besserung - auch das haben verschiedene Autoren in ihren Studien gezeigt (z.B. Anna-Maria Sant'Unione und Matthias Wildermuth, Marianne Leuzinger Bohleber et al., Gerald Hüther).

Teilnehmer der Expertenrunde, die bereits im Februar 2012 tagte, waren der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Dr. Terje Neraal, der Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer, die Kinderärztin und psychoanalytische Familientherapeutin Dr. Miriam Haagen, die Sprecherin des DGSP-Fachausschusses Dr. Charlotte Köttgen sowie Vertreter aus Jugendhilfe, Schule, Kindertagesstätten und Gesundheitsämtern.


Das Positionspapier finden Sie hier.




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Seite erstellt am: 16.04.2013 11:55:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos
Quelle: DGSP; www.psychiatrie.de






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