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Willentlich nur schwer zu steuern


Dienstag, 7. Mai 2013

Depressionen können zu Übergewicht führen – und umgekehrt


Depressive FrauWird ein Mensch übergewichtig, weil er depressiv ist oder führt ein erhöhtes Körpergewicht zu depressiver Stimmung? Welche Wechselwirkungen zwischen den beiden Volksleiden Depression und Übergewicht bestehen, haben Julia Thormann und Kollegen der Universität Leipzig in einer Übersichtsarbeit dargestellt.

Viele Übergewichtige leiden unter einem schlechten Körperbild und geringem Selbstbewusstsein. Sie wollen sich nicht im Badeanzug zeigen oder beim Walken das Schlusslicht bilden. Also bewegen sie sich weniger - und werden unter anderem dadurch manchmal depressiv. Umgekehrt können jedoch auch Depressionen zu Übergewicht führen. In beiden Fällen wird die Eigenverantwortlichkeit überbewertet. Von der Gesellschaft werden die Betroffenen leicht stigmatisiert: Sie gelten als willensschwach und undiszipliniert. Doch die psychosozialen und neurobiologischen Grundlagen von Depressionen und Übergewicht hängen eng zusammen.

Willenskraft und Disziplin reichen oft nicht aus, um eine Veränderung zu bewirken. Die australischen Wissenschaftler Grant Brinkworth und seine Kollegen haben beispielsweise herausgefunden, dass eine kohlenhydratarme Diät nur zu Beginn die Depressionswerte im "Beck Depressions Inventar" (BDI) verbessert. Im Verlauf ihrer Diät verstärkten sich die depressiven Symptome der Studienteilnehmer wieder. Studien konnten außerdem zeigen, dass der Stoffwechsel des "Glückshormons" Serotonin bei depressiven Frauen nach einer Diät durcheinandergeraten kann.


Wer unter Strom steht, der isst

Viele Menschen regulieren ihre Stimmung mithilfe des Essens - in angespannten Situationen reduzieren sie ihre Anspannung durch Essen. Die US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen Aimee J. Midei und Karen A. Matthews haben herausgefunden, dass dies insbesondere bei den Menschen der Fall ist, die in der Kindheit sexuell oder körperlich misshandelt wurden. Andere Studien konnten belegen, dass depressive Kinder und Jugendliche im Erwachsenenalter besonders häufig auch an Übergewicht leiden. Dabei kann das Übergewicht bei Depressionen sowohl durch die Depression selbst bedingt sein als auch durch die Behandlung mit Antidepressiva, denn viele Antidepressiva bewirken eine Gewichtszunahme (z.B. die Wirkstoffe Amitriptylin, Mirtazapin, Fluoxetin und Moclobemid).


Der Stoffwechsel: Bindeglied zwischen Depression und Übergewicht

Im Stoffwechsel lassen sich viele Parallelen zwischen Depression und Übergewicht finden. Zum Beispiel weisen sowohl übergewichtige als auch depressive Patienten oft hohe Konzentrationen an "Tumornekrosefaktor alpha" (TNF-α) im Blut auf. TNF-α senkt die Konzentration von Serotonin im zentralen Nervensystem, wodurch depressive Symptome entstehen können. Wissenschaftler vermuten, dass das Übergewicht zu einer Aktivierung von TNF-αführt, was mit zu der Tatsache beitragen könnte, dass stark übergewichtige (= "adipöse") Menschen ein um 55% erhöhtes Risiko haben, eine Depression zu entwickeln.

Wichtige Hormone der Gewichtsregulation sind Ghrelin und Leptin. Einige Studien haben Hinweise darauf gefunden, dass Ghrelin den Appetit steigert, schlaffördernd wirkt, die Produktion von TNF-alpha reduziert und somit depressive Symptome mildert.
Leptin hingegen vermindert den Appetit. Bei depressiven Menschen finden sich in einigen Studien verringerte Leptinkonzentrationen, in anderen Studien erhöhte Werte. Im Laufe der Depressionsbehandlung verändern sich die Leptinwerte wieder: Leptin steigt häufig an, wenn sich die HPA-Achsen-Funktion wieder normalisiert.

Inwieweit der sozioökonomische Status hierbei eine Rolle spielt, ist nicht geklärt: Einige Studien weisen darauf hin, dass insbesondere gebildete adipöse Frauen an Depressionen leiden; andere Studien legen ein erhöhtes Depressionsrisiko bei übergewichtigen Frauen mit niedrigem sozioökonomischem Status nah.


Psychischer Stress aktiviert die "Stressachse"

Meistens liegt der Depression eine Form von akutem oder chronischem seelischem Stress zugrunde, der sich körperlich in einer aktivierten "Stress-Achse" im zentralen Nervensystem zeigt. Dabei schüttet der Hypothalamus des Gehirns Hormone aus, welche die Hypophyse (Hirnanhangdrüse, englisch: Pituitary Gland) aktivieren. Die Hormone der Hypophyse wiederum regen die Nebenniere (englisch: Adrenal Gland) dazu an das "Stresshormon" Cortisol auszuschütten. Dieser Stoffwechselweg wird als "HPA-Achse" bezeichnet und spielt in der Neurophysiologie eine wichtige Rolle. Ist die HPA-Achse dauerhaft aktiviert, ist auch der Cortisolspiegel im Blut erhöht. Das wiederum kann zu Übergewicht führen.


Zu viel Cortisol macht depressiv

Studien haben gezeigt: Bei gesunden Frauen erhöht sich das Cortisol im Blutplasma bei Stress, was von einer Gewichtszunahme begleitet werden kann. Akut depressive Patienten hingegen verlieren trotz erhöhter Cortisolspiegel meistens zunächst an Gewicht. Möglicherweise spielt die Dauer der Mechanismen eine Rolle. Cortisol führt auf Dauer dazu, dass sich besonders das sogenannte "viszerale Fett" vermehrt, also das Fett, das die Organe umhüllt. Das viszerale Fettgewebe wiederum bildet selbst Cortisol - was wiederum die Neigung zur depressiven Symptomatik erhöht.

Julia Thormann und ihre Kollegen zeigen in ihrer Übersichtsarbeit deutlich, dass Depressionen und Übergewicht eng zusammenhängen und nur schwer durch "guten Willen" zu beeinflussen sind. Während die Depression schon lange als eine Erkrankung angesehen wird, die der Patient nur zu einem geringen Teil aus eigener Kraft selbst beeinflussen kann, klingt beim Übergewicht oft noch der Vorwurf "selbst schuld" mit an. Die aktuelle Forschung trägt sicher dazu bei, die Übergewichtigen von diesem Stigma bald zu entlasten.



Quellen

Thormann, Julia et al. (2013): Adipositas und Depression: eine Übersicht über die vielschichtigen Zusammenhänge zweier Volkserkrankungen. Obesity and Depression: an Overview on the Complex Interactions of Two Diseases. Fortschr Neurol Psychiatr 2013; 81(3): 145-153, DOI: 10.1055/s-0032-1330351
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Brinkworth, Grant D. et al. (2009): Long-term Effects of a Very Low-Carbohydrate Diet and a Low-Fat Diet on Mood and Cognitive Function. Arch Intern Med. 2009;169(20):1873-1880. doi:10.1001/archinternmed.2009.329.
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Midei, Aimee J.; Matthews, Karen A. (2011): Interpersonal violence in childhood as a risk factor for obesity: a systematic review of the literature and proposed pathways. Obesity Reviews, Volume 12, Issue 5, pages e159-e172, May 2011
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Seite zuletzt geändert am: 07.05.2013 09:06:00, ursprünglich angelegt am: 03.05.2013 09:06:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos