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Startseite : Gesund altern : Beiträge - 2011 : Treiben nur Gesunde Sport?


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Im Gespräch mit Dr. Simone Becker


Dienstag, 20. Dezember 2011

Treiben nur Gesunde Sport? – Studie zum Einfluss der Gesundheitszufriedenheit auf die sportliche Betätigung


Sport wird regelmäßig als Möglichkeit gesehen, die Gesundheit auch im Alter zu erhalten – oder sogar zu verbessern. Welchen Einfluss hat aber der aktuelle Gesundheitszustand auf die Motivation, sportlich aktiv zu sein? Dieser Frage geht die Heidelberger Soziologin Dr. Simone Becker nach. Im Interview mit Ute Blessing-Kapelke, stv. Ressortleiterin Chancengleichheit und Diversity „Sport der Generationen“ des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) erläutert sie, welche Folgen ihre Befunde für Prävention und Gesundheitsförderung haben.

Frau Dr. Becker, Sie haben den Einfluss der Gesundheitszufriedenheit auf die Sportaktivität untersucht. Der Zusammenhang von Sport und Gesundheit scheint durch zahlreiche Studien bereits gut belegt zu sein. Worin unterscheidet sich die von Ihnen durchgeführte Untersuchung von anderen?

Dr. Simone Becker: Der positive Einfluss der Sportaktivität auf verschiedenste Aspekte der Gesundheit kann u.a. auf der Grundlage verschiedener medizinischer und sportwissenschaftlicher (Evaluations-) Studien als weitgehend belegt angesehen werden. Beispielsweise kann sportliche Aktivität ganz allgemein das Risiko des Auftretens chronischer Krankheiten reduzieren. Eine kardioprotektive Wirkung wird in diesem Zusammenhang vor allem moderatem Ausdauersport zugeschrieben.

Einerseits kann somit davon ausgegangen werden, dass gesunde Menschen mehr Sport treiben und andererseits ist es auch möglich, dass Menschen, die Sport treiben, aufgrund dessen gesünder sind.

Jedoch wird dies in den meisten vorliegenden Studien nicht berücksichtigt. Dadurch lassen sich auf der Grundlage der meisten vorliegenden Studien keine kausalen Aussagen zur komplexen Wechselwirkung von Sport und Gesundheit treffen. Meist wird das Zustandekommen dieser positiven Beziehung zwischen Sport und Gesundheit unhinterfragt dahingehend interpretiert, dass Sport zu einer Verbesserung der Gesundheit führt. Allerdings ist dieser Zusammenhang in der Realität keinesfalls so eindeutig wie es auf den ersten Blick scheint. In meiner Studie habe ich aus diesem Grund den Einfluss der Gesundheitszufriedenheit (zeitlich vor der Sportaktivität gemessen) auf Veränderungen der Sportaktivität untersucht.


Im Kern kommen Sie zu dem Ergebnis, dass insbesondere gesunde Personen Sporttreiben, Menschen mit beeinträchtigter Gesundheit brechen sportliche Aktivitäten dagegen ab. Ist tatsächlich die Gesundheit der wesentliche Einflussfaktor oder spielen andere Faktoren, wie etwa das Alter, das Geschlecht oder die Bildung eine bedeutendere Rolle für die sportliche Aktivität?

Dr. Simone Becker: Gesundheit ist ganz sicher ein zentraler limitierender Faktor. Natürlich spielen auch Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und Bildung eine Rolle. Aber selbst, wenn man diese statistisch konstant hält, hat der Gesundheitszustand bzw. die Gesundheitszufriedenheit einen positiven Einfluss auf die Sportaktivität. D.h. gesunde Menschen treiben häufiger Sport, nehmen häufiger eine neue Sportaktivität auf und geben diese auch seltener wieder auf als Personen mit einem schlechten Gesundheitszustand.


Frau Dr. Becker, in Ihre Untersuchung fließen lediglich Befragungsdaten aus Westdeutschland ein. Ist zu vermuten, dass die Ergebnisse für Ostdeutschland anders ausfielen?

Dr. Simone Becker: Vermutlich würden die Ergebnisse in eine ähnliche Richtung gehen. Allerdings gibt es hierzu bisher nahezu keine Studien. Deswegen untersuche ich zur Zeit im Rahmen einer größeren bundesweiten Studie den Einfluss verschiedener Erkrankungen auf die Sportaktivität. In dieser Studie kann dann auch zwischen Ost- und Westdeutschland differenziert werden. Leider gibt es bisher noch keine Ergebnisse.


Frau Blessing-Kapelke, die Untersuchung von Frau Becker führt uns ein bekanntes Phänomen vor Augen: mit zunehmendem Alter sinkt offensichtlich die sportliche Betätigung. Wird die Zielgruppe der Älteren von den bisherigen, zum Teil speziell auf sie ausgerichteten Angeboten nicht erreicht?

Ute Blessing-Kapelke: So kann man das nicht sagen, denn die Älteren sind zurzeit die größte Wachstumsgruppe im Deutschen Olympischen Sportbund. Wir haben die Zahl der im Sport aktiven Älteren über 60 Jahre steigern können - zuletzt von 1,3 Mio. im Jahr 1990 auf aktuell 3,9 Mio. Richtig ist aber auch, dass immer noch zu wenige Ältere aktiv sind, insbesondere bei den über 70- und 80-Jährigen, obwohl gerade in dieser Altersgruppe durch Bewegung und Sport nachgewiesenermaßen Pflegebedürftigkeit verhindert und Selbständigkeit erhalten werden kann. Hier entstehen seit einiger Zeit in den Vereinen immer mehr attraktive Angebote.


Der "Leitfaden Prävention" der gesetzlichen Krankenkassen sieht neben dem Settingansatz individuelle Präventionsleistungen vor. Hierzu gehören beispielsweise auch Bewegungsangebote zur Vermeidung chronischer Erkrankungen. Inwiefern werden denn damit jene älteren Personen erreicht, die sportlich eher inaktiv sind und damit ein höheres potentielles Krankheitsrisiko aufweisen als aktive?

Ute Blessing-Kapelke: Mit einem meist nur einmal im Jahr geförderten Kursangebot sind Ältere, die Bewegung und Sport noch nicht für sich entdeckt haben, meist nur schwer zu erreichen. Gerade Ältere, die bereits Einschränkungen haben, führen viele Bedenken an, warum sie keinen Sport treiben wollen oder können. Hier gilt es die Barrieren zu beseitigen und Ängste zu zerstreuen, wofür die Sportvereine aber auch Unterstützung brauchen. Es gilt, Angebote zu den Älteren zu bringen und nicht immer nur zu warten, dass Ältere die Angebote von selbst entdecken. Wir brauchen langfristig angelegte, nachhaltige Strukturen, um sportfernen Älteren den Gewinn durch regelmäßige Bewegung aufzuzeigen und ihnen den Weg zu einem aktiven Lebensstil zu erleichtern. Der Präventionsansatz nach § 20 SGB V müsste viel weiter gefasst werden.


An Sie beide gerichtet nun eine letzte Frage: Wie kann aus Ihrer Sicht die Sportbeteiligung der älteren Bevölkerung verbessert werden? Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Dr. Simone Becker: Als Hauptgründe für die Reduzierung der Sportaktivität mit zunehmendem Alter werden in Befragungen meist der Wunsch, das Verletzungsrisiko so weit wie möglich zu reduzieren und die Angst, den eigenen und fremden Leistungsansprüchen nicht mehr gerecht zu werden, angeführt.

Um den gesundheitlichen Nutzen der sportlichen Betätigung allen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen, ist es von besonderer Bedeutung, systematische Ausgrenzungen von bestimmten Bevölkerungsgruppen im Sport zu vermeiden. Denn aus biologisch-medizinischer Sicht wird besonders dem Alterssport eine gesundheitserhaltende Wirkung zugeschrieben. Da bei älteren Personen die sportliche Betätigung meist an ein Gesundheitsmotiv gekoppelt ist, kommt hier der Mitwirkung von Ärzten über die Beratung bezüglich des gesundheitlichen Nutzens sportlicher Aktivität eine besondere Bedeutung zu. Eine explizite Empfehlung des Hausarztes stellt Analysen zufolge einen der bedeutendsten und wirksamsten Einflussfaktoren für die Aufnahme der sportlichen Aktivität dar.

Zudem sollten Angebote im Alterssport in besonderem Ausmaß auf die Bedürfnisse der Älteren zugeschnitten sein. Beispielsweise ist es wichtig, dass die Angebote des Alterssports in Übungsstätten angeboten werden, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind. Von entscheidender Bedeutung für die sportliche Betätigung im Alter ist außerdem, dass die Sportaktivität in den Sozialbezug des älteren Individuums eingebettet ist. Attraktiv sind für Personen im höheren Erwachsenenalter vor allem Sportarten mit geringem Verletzungsrisiko, geringer Leistungskomponente und hohem Wert für die Gesundheit.

Ute Blessing-Kapelke: In unserem Projekt "Bewegungsnetzwerk 50 plus" haben wir festgestellt, dass gerade die Zusammenarbeit mit externen Partnern helfen kann, neue Zielgruppen für den Sport der Älteren zu gewinnen. Wenn wir Organisationen, bei denen die Älteren sowieso sind, mit ins Boot holen, können wir gemeinsam viel mehr erreichen. In dem Projekt "Aktiv bis 100" des DOSB-Mitglieds Deutscher Turner-Bund waren vier Bewegungsgruppen in der Zusammenarbeit mit Sozialdiensten, kirchlichen Organisationen, Gesundheits- und Sozialverbänden geplant, umgesetzt wurden aufgrund des großen Interesses mehr als zehn und diese laufen auch nach Projektende alle weiter. Erfolgsfaktoren waren dabei die Ausrichtung an der Lebenswelt der Hochaltrigen, die intensive Betreuung, die Partizipation der Zielgruppe bis hin zur Organisation eines Fahrdienstes. Ein anderes Beispiel des Landessportbundes Hessen ist die Ansprache der Älteren durch einen Bewegungs-Starthelfer, der Sie in den Verein begleitet und mit Ihnen das richtige Bewegungsangebot sucht. Vereine mit ihrer ehrenamtlichen Struktur haben viel Potenzial, um auch bewegungsferne Ältere zu erreichen.


Die Studie "Der Einfluss der Gesundheitszufriedenheit auf die Sportaktivität." von Frau Dr. Simone Becker können Sie hier kostenlos herunterladen.




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Seite zuletzt geändert am: 20.12.2011 08:55:00, ursprünglich angelegt am: 19.12.2011 10:55:00
Autor/-in der Seite: Felix Lüken






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