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Bericht des BDP - Die großen Volkskrankheiten


Donnerstag, 25. Oktober 2012

‚Volkskrankheit’ psychische Störung – Psychologie als salutogene Ressource


Gestresste Frau am ArbeitsplatzNoch vor gar nicht langer Zeit waren Erkrankungen der Muskeln und Gelenke der häufigste Grund für eine Frühberentung. Das hat sich inzwischen geändert: Seit dem Jahr 2000 stehen psychische Störungen an der Spitze der Ursachenliste. Doch hierfür ist nicht nur die Zunahme der psychischen Erkrankungen verantwortlich, sondern auch die größere Akzeptanz und Ent-Stigmatisierung der psychischen Erkrankungen.

Über die Zusammenhänge zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen berichtet aktuell der "Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V." (BDP). Der Titel des Berichts, "Die großen Volkskrankheiten", lässt aufhorchen. Eine "Volkskrankheit" ist eine "nicht übertragbare Krankheit, die aufgrund großer Verbreitung und großer wirtschaftlicher Auswirkungen sozial ins Gewicht fällt" (S. 16). Die psychischen Störungen sind also mittlerweile zur Volkskrankheit geworden. 36% der frühberenteten Frauen und 25% der frühberenteten Männer sind aufgrund psychischer Störungen frühberentet. Muskuloskelettale Erkrankungen, Krebs- und Herzkreislauferkrankungen sind die nachfolgenden Gründe.

Psychische Erkrankungen können einerseits körperliche Erkrankungen zur Folge haben, andererseits führen chronische körperliche Erkrankungen zu psychischen Störungen. Etwa 15 bis 30% der Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen sind von einer psychischen Störung betroffen. Die meisten dieser Patienten, etwa 16 bis 23%, leiden an einer affektiven Störung (hierzu gehören die Depressionen); 18 bis 27% sind von Angststörungen betroffen, 9 bis 18% von somatoformen Störungen und 5 bis 9% von substanzbezogenen Störungen (hierzu zählt z.B. die Alkoholabhängigkeit).

Vermehrt leiden jüngere Menschen im (re-)produktiven Alter an psychischen Störungen: Über ein Jahr betrachtet (12-Monatsprävalenz) sind in Deutschland über 30% der unter 45-Jährigen von einer psychischen Störung betroffen (S. 19). Viele Menschen mit chronischen körperlichen und/oder psychischen Erkrankungen empfinden es so, dass sie während ihres Leidens unbeschwerte Lebenszeit verlieren. Die Wissenschaftler messen hier die "mit Behinderung gelebten Lebensjahre" (Years Lived with Disability, YLD). Hinzu kommen die tatsächlich verlorenen Lebensjahre infolge eines möglicherweise früheren Todes, die als "durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre" bezeichnet werden (Years of Life Lost, YLL). Beide Werte zusammen ergeben den Wert "DALY" (Disability adjusted life years, DALY), also die Lebenszeit, die durch Behinderung und vorzeitigen Tod "verloren" ging. Bei den Hauptursachen für "verlorene Lebensjahre" (DALY) steht die unipolare Depression (also die Depression ohne manische Phasen) an erster Stelle, gefolgt von Herzinfarkt und Demenz (S. 21).


Die Psychologie: eine noch nicht ausgeschöpfte Ressource
Nun die gute Nachricht: Die Psychologie bietet viele Möglichkeiten, um den Zustand der Betroffenen zu verbessern. Menschen, die an chronischen körperlichen Erkrankungen leiden, haben oft wenig Motivation zu einem gesunden Lebensstil, wenn sie depressiv sind und ihnen der Lebenswille fehlt. Ein Beispiel: Diabetiker können ihren Blutzucker nur dann gut einstellen, wenn sie motiviert sind, ihre Therapie gewissenhaft durchzuführen. Findet ein Diabetiker mit einer Depression psychologische Hilfe, so kann dies zum Beispiel seine Bereitschaft erhöhen, genauer auf seine Insulin-Therapie zu achten, das heißt, die "Compliance" (Mitarbeit, Therapietreue) wird verbessert (S. 25). Aber auch direkte Zusammenhänge zwischen psychischen Beschwerden und körperlichen Erkrankungen rücken in den Mittelpunkt: So weiß man heute, dass psychische Beschwerden von ähnlichen immunologischen Prozessen begleitet werden, wie sie auch bei einer koronaren Herzkrankheit vorkommen (S. 58).


Psychotherapie kann seelisch und körperlich entlasten
Mit der Behandlung der Depression wird der Patient nicht nur psychisch direkt entlastet, sondern die Psychotherapie kann möglicherweise auch körperlichen Folgeschäden vorbeugen. Dabei müssen es nicht immer Medikamente sein: Bei leichten und mittelschweren Depressionen ist die Psychotherapie genauso wirksam wie es Medikamente (Antidepressiva) sind. Wenn erfahrene Therapeuten den Patienten behandeln, ist die Psychotherapie auch bei schweren Depressionen ähnlich wirksam wie die Behandlung mit Medikamenten. Ist die akute Depressionsphase vorüber, ist die Psychotherapie auf lange Sicht den Medikamenten sogar überlegen (S. 30).

Welche Art der Psychotherapie besonders wirksam ist, darüber diskutieren Psychologen und Ärzte häufig: Die Verhaltenstherapie steht oft im Wettstreit mit der psychoanalytischen Therapie. Eine seit 2006 laufende Studie vergleicht zur Zeit die beiden Therapieformen (S. 29). Über 80 Psychoanalytiker und über 60 Verhaltenstherapeuten nehmen an dieser Studie teil. Studienteilnehmer sind 400 Patienten mit chronischer unipolarer Depression, die sich die Art der Therapie aussuchen konnten. Die Patienten, die keine Therapieform bevorzugten, wurden zufällig entweder der psychoanalytischen Therapie oder der Verhaltenstherapie zugeordnet. Mit ersten Ergebnissen dieser teil-randomisierten Studie ist im Jahr 2015 zu rechnen.

Der BDP-Bericht ist lesenswert, denn er enthält eine Fülle von Informationen. Einzelne Kapitel gehen ausführlich unter anderem auf diese Themen ein: Burnout, Rückenschmerzen, "Schmerz und Psychologie", Übergewicht (Adipositas) und koronare Herzkrankheit.
Bericht kann auf der Website des BDP als PDF heruntergeladen werden (Link).



Quelle

Die großen Volkskrankheiten. Beiträge der Psychologie zu Prävention, Gesundheitsförderung und Behandlung. Bericht des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP).
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Seite zuletzt geändert am: 25.10.2012 09:26:00, ursprünglich angelegt am: 15.10.2012 09:26:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos