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Startseite : Psychische Gesundheit : Beiträge - 2012 : Burnout - ‚Etikett’


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Burnout Krankschreibungen seit 2004 um 700 Prozent gestiegen


Dienstag, 20. November 2012

Burnout - gesellschaftlich akzeptableres ‚Etikett’ für psychische Beschwerden?


Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burnouts sind seit 2004 um 700 Prozent, die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1.400 Prozent gestiegen – diese Kernaussage einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat für Aufsehen gesorgt. Ausgewertet wurden Daten der großen gesetzlichen Krankenkassen zu Arbeitsunfähigkeit, psychischen Erkrankungen und Burnout. Sind also Überarbeitung und Erschöpfung in deutschen Unternehmen immer weiter auf dem Vormarsch, oder werden längst bekannte psychische Beschwerden lediglich mit dem gesellschaftlich vermeintlich akzeptableren Etikett „Burnout“ versehen?

Dass der durch die Globalisierung gestiegene Wettbewerbsdruck auf die Unternehmen an die Beschäftigten weitergegeben wird, etwa über Arbeitsverdichtung, die Notwendigkeit ständiger Erreichbarkeit, höhere Arbeitsplatzunsicherheit und alltäglichen Leistungsdruck, ist weitgehend unbestritten. Bestehen bleiben zudem herkömmliche berufsbedingte Belastungen wie u. a. monotone, gefährliche oder schwere körperliche Arbeit, Umgang mit Gefahrstoffen oder Lärmbelastung. Zwar haben viele Unternehmen bereits auf die Forderung von Arbeitswissenschaftlern reagiert und begonnen, Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass die Beschäftigten gesundheitlich weniger gefährdet werden und u. a. möglichst abgeschlossene Aufgaben übernehmen können. Um enge Zielvorgaben einhalten zu können, braucht es dennoch oft engmaschige, als belastend empfundene Leistungskontrollen. Fehlt den betroffenen Arbeitnehmern zudem soziale Anerkennung, kommt es häufig zum Stresserleben mit individuell höchst unterschiedlichen Folgen.

"Stressreaktionen sind Bewältigungsversuche angesichts einer auf die Person einwirkenden bedrohlichen Herausforderung, der man nicht einfach ausweichen kann … Bedrohlich sind dabei vor allem Stressoren, welche die personale Kontrolle einschränken und damit das Erleben von Selbstwirksamkeit verhindern", erklärt der Schweizer Medizinsoziologe Prof. Johannes Siegrist, ein Experte für arbeitsbedingte Fehlbelastungen. Stressoren gibt es nicht nur am Arbeitsplatz, auch private Konflikte oder ein übervolles Freizeitprogramm können überfordern. Prof. Siegrist plädiert dafür, die spezifischen Zusammenhänge zwischen Arbeitsstress, Burnout und Depression ergebnisoffen zu untersuchen. Aus den Erkenntnissen darüber, welchen Anteil die moderne Arbeitswelt, aber auch die Beschäftigten selbst an beruflicher Fehlbeanspruchung haben, ließen sich praktische Folgerungen nicht nur für Prävention und Therapie, sondern auch für eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen ableiten.


Burnout - eigenständiges Syndrom, subklinisches Leiden oder unscharf diagnostizierte psychische Erkrankung?

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger hat den Begriff in den 1970er Jahren in die wissenschaftliche Debatte eingeführt. Er beschrieb Burnout als psychische Krise besonders engagierter Beschäftigter vorwiegend in sozialen Berufen, die aufgrund beruflicher Fehlbelastung nicht mehr in der Lage waren, ihr anfangs hohes Engagement aufrechtzuerhalten. Die Betroffenen fühlten sich ausgelaugt, erschöpft und ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen.

Ob Burnout eine arbeitsspezifische Erkrankung, ein subklinisch-subjektives Leiden, eine Art Krankheitsvorstufe oder ein echtes seelisches Leiden ist, das nur genauer diagnostiziert werden müsste, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Bestehende Modelle definieren Burnout recht unterschiedlich. Die Annahme, dass vorwiegend Arbeitnehmer aus Sozialberufen betroffen sind, haben viele Autoren inzwischen aufgegeben. Auch Ansätze, die von typischen, klar unterscheidbaren Krankheitsphasen ausgehen, sind umstritten. Konsens besteht vor allem bezüglich des zentralen Symptoms: der emotionalen Erschöpfung, der geringen Zufriedenheit mit der eigenen beruflichen Leistung sowie des Gefühls von Arbeitsüberdruss, häufig von einer zynischen Grundhaltung der Betroffenen begleitet. Auffallend ist, dass die Symptome eines Burnout weitgehend mit den Symptomen psychischer Erkrankungen wie der Depression, aber auch mit den Symptomen von Angsterkrankungen, übereinstimmen. Mit zunehmender Schwere des Burnouts scheinen diese Überschneidungen noch zuzunehmen. Gibt es das Phänomen Burnout also überhaupt?

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) stellt unmissverständlich klar:"Burnout ist keine anerkannte psychische Erkrankung, sondern in der verbindlichen ICD-10-Klassifikation (1) der Krankheiten eine Zusatzkodierung. Mit ihr werden Faktoren dokumentiert, die den Gesundheitszustand zusätzlich zu einer Erkrankung beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen.". Konkret beschreibt die Zusatzkodierung Z73 allgemeine Probleme der Lebensbewältigung, unter denen auch Burnout genannt wird. Und tatsächlich ergab die Studie der BPtK, dass lediglich 15 Prozent der Burnout-Diagnosen ohne zusätzliche Angaben bzw. Diagnosen wie psychische Erkrankung, Depression oder Rückenschmerzen gestellt wurden. Burnout, so die BPtK weiter, gibt also meist lediglich einen Hinweis darauf, "dass der Erkrankte die Ursache seiner psychischen Beschwerden an seinem Arbeitsplatz sieht."

Problematisch wird die Zusatzkodierung Burnout, so die Experten weiter, wenn die damit einhergehenden psychischen Beschwerden nicht zusätzlich untersucht werden - und eine womöglich notwendige psychotherapeutische Behandlung unterbleibt. Das Label Burnout darf auch deshalb nie eine differenzierte Diagnose ersetzen, weil nicht nur psychische Beschwerden Erschöpfungszustände auslösen können. Körperliche Erkrankungen wie Schilddrüsenfehlfunktionen, Herzerkrankungen, Blutarmut, Krebs oder Multiple Sklerose im Anfangsstadium können u. a. ebenfalls mit Müdigkeit und Erschöpfung einhergehen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) warnt vor einer verengten Sichtweise, in der psychische Krisen und Erkrankungen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Arbeitsbelastung generell als Burnout bezeichnet werden. Die Verwendung des Begriffs Burnout für Depressionen Berufstätiger sei ebenfalls nicht adäquat. Als ausgesprochen gefährlich sieht die Fachgesellschaft eine Berichterstattung in den Medien, "die den Begriff Burnout mit einer Erkrankung der Leistungsträger und der "Starken" gleichsetzt, den Begriff Depression dagegen mit einer Erkrankung der (anlagebedingt) "Schwachen" verknüpft." Eine solche - unzutreffende - Bewertung könnte die Stigmatisierung depressiv erkrankter Menschen erneut verstärken.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass psychische Erkrankungen verharmlost werden: "Viele Burnout-Coaches und Kliniken vermitteln den Patienten den Eindruck, dass mit Wellness-Methoden wie gesundem Essen, Sport, Entspannungs- und Zeitmanagement-Training oder einfachen Empfehlungen zur Arbeitsplatzumstrukturierung jegliche psychische Störungsform im Zusammenhang mit Arbeitsstress behoben werden könnte." Arbeitnehmer aber, die aufgrund einer Belastung am Arbeitsplatz erkrankt sind, so die DGPPN weiter, benötigen in der Regel eine Therapie. Und sie haben Anspruch auf eine qualifizierte Behandlung, deren Kosten von den Krankenkassen, der Renten- oder der Unfallversicherung übernommen werden.


Entstigmatisierung psychischer Leiden?

Optimistische Experten gehen davon aus, dass die rege Diskussion um den Burnout dazu beiträgt, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft offener thematisiert werden. Denn es herrscht Konsens, dass ein Teil des scheinbaren Anstiegs der Zahl psychischer Erkrankungen darauf zurückzuführen sein dürfte, dass diese heute eher benannt werden als noch vor einigen Jahrzehnten. Aber wie sieht es in den Unternehmen aus? Müssen Beschäftigte mit Ausgrenzung rechnen, wenn sie sich zum Burnout oder zu einer psychischen Erkrankung bekennen?

"Wer unter psychischen Belastungen im Job leidet, darf nicht als überfordert oder wenig belastbar abgeurteilt werden" hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen beim Arbeitsschutzforum 2012 gefordert. Dass gerade die Arbeitgeber gefragt sind, Arbeitsbedingungen so zu verändern, dass Burnout bzw. psychische Erkrankungen erst gar nicht entstehen, lässt sich nicht bestreiten. Allerdings sind psychische Erkrankungen nie auf eine einzige Ursache zurückzuführen, sei sie nun in einer individuellen Disposition zu suchen oder durch ungünstige Bedingungen am Arbeitsplatz hervorgerufen.

Was also tun? Aus der Sicht der IG Metall reicht es zur Prävention oder gar zur Behandlung von Burnout nicht aus, "den Beschäftigten Fitnessprogramme gegen Stress anzudienen." Die Gewerkschaft fordert eine Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Stress und weiteren Gefährdungen aus psychischer Belastung und hat für diese Anti-Stress-Verordnung bereits einen Entwurf vorgelegt.

Burnout ist eine echte Herausforderung für die Arbeitswelt, das ist unbestritten. Zum Glück gilt aber auch: Nicht immer muss berufliche Belastung zum Burnout führen. Die Auswertung epidemiologischer Daten der gesetzlichen Krankenversicherung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat auch ergeben, dass Arbeit die psychische Gesundheit stärken kann. Arbeitslose etwa leiden drei- bis viermal so häufig an psychischen Erkrankungen wie Erwerbstätige.


Anmerkungen

1 Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das maßgebliche internationale diagnostische Klassifikationssystem der Medizin und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben.
Die Deutsche Version finden Sie hier auf der Internetseite des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information.


Quellen

Die Studie der Bundespsychotherapeutenkammer BPtK PDF

Newsletter 03/2012 der Bundespsychotherapeutenkammer BPtK PDF

Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Thema Burnout. PDF

Burnout und Arbeitswelt. Vortrag von Prof. Dr. Johannes Siegrist im Rahmen der 62. Lindauer Psychotherapiewochen 2012. PDF

Anti-Stress-Verordnung - Eine Initiative der IG Metall PDF




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Seite zuletzt geändert am: 20.11.2012 08:01:00, ursprünglich angelegt am: 07.11.2012 12:01:00
Autor/-in der Seite: Sabine Kurz






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