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Arbeit ist ein 'lästiges Übel' und Freizeit ist Erholung?


Dienstag, 4. Dezember 2012

Keine 'Work-Life-Balance' ohne 'Me-Time'


Frau entspannt auf BalkonArbeit ist ein "lästiges Übel" und Freizeit ist Erholung? Dass diese Formel nicht ganz stimmt, stellten nun Pia Grisslich und ihre Kollegen von der Universität Dresden fest. Ihr neues, dreidimensionales Modell zur "Lebensbalance" schafft hier mehr Klarheit.

Auch bei der Arbeit kann der Mensch Selbsterfüllung finden und sich mitunter sogar entspannen, wohingegen das "Soziale Leben" reichlich Stress bedeuten kann: Da will das Geburtstagsgeschenk besorgt sein, die Post weggebracht und der Termin zum Abendessen eingehalten werden. "Und wo bleibe ich?", könnte man sich da fragen. Die Psychologin Pia Grisslich und ihre Kollegen haben hier eine Lösung gefunden: Sie haben ein Lebens-Balance-Modell entwickelt, das die Zeit, die man für sich selbst braucht, mit einbezieht. Ihr "Life-Balance-Modell" besteht aus den drei Aspekten "Zeit für Arbeit", "Zeit für Soziales" und "Zeit für Persönliches ('Me-Time')".


Gesundheit und eine ausgewogene Lebensbalance hängen zusammen

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass sich anhand ihres dreidimensionalen Modells der Gesundheitszustand von Menschen besser voraussagen lässt als anhand eines zweigliedrigen oder gar viergliedrigen Modells, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Lothar Seiwert entwickelt hat. Seiwerts Modell bezieht neben den Bereichen Arbeit und Soziales ("Kontakt/Beziehung") auch die Bereiche Gesundheit/Körper sowie "Sinnhaftigkeit" mit ein. Dieses Modell berücksichtigt die Tatsache, dass Arbeit durchaus sinnerfüllend sein kann und somit zur Gesundheit beiträgt. Schwierig ist es jedoch oft, die begrenzte Zeit sinnvoll auf die verschiedenen Lebensbereiche aufzuteilen - einige Studien hätten gezeigt, dass es mehr als 170 verschiedene Lebensbereiche gebe, erklären Pia Grisslich und Kollegen.


Die Studie

Pia Grisslich und ihre Kollegen erprobten nun in einer Studie, ob sich das von ihnen entwickelte Lebens-Balance-Modell dazu eignet, um Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der Studienteilnehmer zu ziehen. Dazu untersuchten sie 491 deutsche Studierende im Durchschnittsalter von 23,3 Jahren (Spanne: 18-43 Jahre). 71,5% der Studienteilnehmer waren Frauen, 28,5% waren Männer. Die Studierenden waren im ersten, zweiten oder letzten Jahr ihres Studiums. 98% von ihnen studierten Erziehungswissenschaften.

Die Studierenden füllten einen Fragebogen zur Lebensbalance ("Life Balance Questionnaire", LBQ), zur Selbstregulation (= Selbstmotivation, Selbstentspannung und Selbstbestimmung) sowie zu ihrem Gesundheitszustand aus. Darüber hinaus sollten sie einen Fragebogen zu ihrer "Zentralen Selbsteinschätzung" (Core Self Evaluation, CSE) beantworten. Dieser Begriff fasst die vier Punkte "Selbstwertgefühl", "Selbstwirksamkeit", "Kontrollüberzeugung" sowie "Neurotizismus" zusammen.

Mithilfe des "Fragebogens zur Lebensbalance" wurden die Studierenden dazu befragt, ob ihnen die Zeit, die sie in verschiedenen Lebensbereichen verbrachten, jeweils ausreichte. Außerdem konnten die Studierenden Angaben zur sogenannten "Me-Time" machen, also dazu, ob sie ihrer Ansicht nach genügend Zeit für sich selbst hatten. Die zu bewertenden Sätze sahen z.B. so aus: "Ich habe genügend Zeit für mich selbst" oder "Ich habe zu wenig Zeit, um Dinge für mich zu tun, wie z.B. Lesen, im Internet surfen etc." Die Studierenden konnten sich jeweils für Antwortmöglichkeiten von 1 = "Ich stimme überhaupt nicht zu" bis 6 = "Ich stimme voll und ganz zu" entscheiden.


Menschen mit einer ausgewogenen Lebensbalance haben ein gutes Selbstwertgefühl

Die Auswertung der Fragebögen zeigte deutlich, dass die Studierenden einen umso besseren Gesundheitszustand aufwiesen, je ausgeglichener ihre Lebensbalance war. Bei ausgeglichener Lebensbalance fühlten sich die Studienteilnehmer außerdem selbstwirksamer und sie hatten ein besseres Selbstwertgefühl - insgesamt war ihre sogenannte "Zentrale Selbsteinschätzung", also ihr "CSE-Wert", dann besser.

Eine ausgeglichene Lebensbalance führt also zu Wohlbefinden und guter Lebensqualität. Der Konflikt zwischen Arbeit und Familie hingegen kann krank machen, wie Studien gezeigt haben (siehe Literaturangaben bei Pia Grisslich et al., 2012). In diesem Konflikt steigt der Stresslevel, die Lebensqualität sinkt und es treten vermehrt psychische und körperliche Beschwerden auf.


Zusatzinformationen

Zukunftsforscher wie der Österreicher Matthias Horx blicken allerdings recht zuversichtlich in die Zukunft: Die Vorstellung des "Arbeitsplatzes" wird seiner Ansicht nach mehr und mehr schwinden, sodass auch die Vereinigung von Familie und Beruf möglicherweise einfacher wird. "PLATZ sagt man im 21. Jahrhundert zu seinem Hund, aber nicht mehr zur Arbeit", so Matthias Horx (Link). Es gebe immer mehr Menschen, für die "Leben, Liebe, Arbeit und Selbstverwirklichung" näher aneinanderrückten. Die Trennung von Arbeit und sozialem Leben können heute schon viele Berufstätige nicht mehr vollziehen. Das heißt aber nicht, dass sie davon krank werden - im Gegenteil: Bedeutungsvolle Aufgaben, flexible Arbeitszeiten, das Arbeiten von zu Hause machen das Leben häufig leichter, sodass noch genügend Kraft und Zeit für die Familie, das soziale Leben und sich selbst bleibt.

Andererseits stecken natürlich nach wie vor viele Menschen im "Hamsterrad" fest - viel wissen eben nicht, wo sie noch etwas verändern könnten, damit das Geld reicht und man selbst und die Familie trotzdem nicht zu kurz kommt. Sogenannte "Arbeits- und Organisationspsychologen" erforschen die Psychologie der Arbeitswelt und arbeiten unter anderem daran, verschiedene Arbeitsbedingungen zu verstehen und zu verbessern. Wer sich beruflich verändern möchte, aber nicht weiß, wo er anfangen soll, findet Berater zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (Link).


Quellen

Grisslich, Pia et al. (2012): Beyond Work and Life - What Role Does Time for Oneself Play in Work-Life Balance? Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, Volume 20, Nr 4/2012: 166-177
Das Abstract des Artikels finden Sie hier.

Lothar Seiwert, Homepage. Link




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Seite erstellt am: 04.12.2012 08:33:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos






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