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Startseite : Psychische Gesundheit : Beiträge - 2013 : Welttag der seelischen Gesundheit


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Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident BPtK


Donnerstag, 10. Oktober 2013

Welttag der seelischen Gesundheit: Gesellschaftliche Teilhabe psychisch Erkrankter stärken


Hand in HandMit zahlreichen Aktionen und Vorträgen begann am 10.Oktober bundesweit die Woche der seelischen Gesundheit. Über Hintergründe und Ziele der Aktionstage sowie zukünftige Herausforderungen für Prävention und Gesundheitsförderung berichtet Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), im Interview.

BVPG: Sehr geehrter Herr Prof. Richter, am 10. Oktober startet die „Woche der seelischen Gesundheit". Was ist das Hauptanliegen dieser bundesweiten Aktionstage? Welche Zielgruppen sind die wichtigsten?

Psychisch kranke Menschen werden in unserer Gesellschaft immer noch ausgegrenzt. Die Akzeptanz etwa von depressiv erkrankten Menschen am Arbeitsplatz ist trotz aller Öffentlichkeitskampagnen unverändert gering. Schizophren erkrankte Menschen werden unverändert als „gefährlich" stigmatisiert. Psychisch kranke Menschen werden von vielen Menschen immer noch als fremd und bedrohlich erlebt. Psychische Krankheiten sind also weit davon entfernt, als Erkrankungen gesehen zu werden, die jeden treffen können und die in fast jeder Familie vorkommen. Mit der Woche der seelischen Gesundheit soll über psychische Erkrankungen aufgeklärt und es sollen Hilfs- und Therapieangebote aufgezeigt werden. Außerdem wird der Umgang mit psychisch erkrankten Menschen thematisiert und es werden Informationen für Angehörige, Eltern, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen angeboten.


BVPG: Als Mitglied des Aktionsbündnisses „Seelische Gesundheit" setzt sich die Bundespsychotherapeutenkammer für die Förderung der seelischen Gesundheit in der Gesellschaft ein. Haben sich denn in den letzten Jahren epidemiologische/statistische Veränderungen im Spektrum psychischer Erkrankungen in Deutschland ergeben?

Bei den Häufigkeiten, mit denen psychische Erkrankungen auftreten, gibt es in den letzten Jahren kaum Veränderungen. Die Daten der Gesundheitsversorgung zeigen, dass psychische Erkrankungen Volkskrankheiten sind. In Deutschland leidet mehr als jeder vierte Erwachsene innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Häufigkeit psychischer Erkrankungen etwas niedriger. Im Vergleich zu früher werden psychische Erkrankungen aber heute häufiger erkannt und diagnostiziert. Entsprechend werden psychische Erkrankungen heute häufiger als Ursache für Arbeitsunfähigkeit oder Minderung der Erwerbsfähigkeit benannt. Dieser Trend hält an. Damit steigt zugleich der Druck, die psychische Gesundheit der Bevölkerung stärker zu fördern und Auswirkungen psychischer Erkrankungen abzumildern.


BVPG: Das Thema der diesjährigen Aktionstage ist die seelische Gesundheit im Alter. Was sind die Botschaften hierzu?

In einer älter werdenden Gesellschaft steigen der Versorgungsbedarf von demenzkranken Menschen und der Unterstützungsbedarf für die pflegenden Angehörigen. Aber auch andere psychische Erkrankungen sind im Alter weit verbreitet, sie werden jedoch bei älteren Menschen häufig nicht richtig diagnostiziert und behandelt. Vergesslichkeit und Konzentrationsschwächen beispielsweise sind nicht immer ein Anzeichen für eine Demenz. Sie können auch bei einer Depression auftreten, werden aber häufig fälschlicherweise als Demenz diagnostiziert. Als Depression erkannt und behandelt, bessern sie sich in der Regel. Ein weiteres wichtiges Thema ist Suizid im Alter. Während sich die Suizidraten in der Gesamtbevölkerung seit 1980 mehr als halbiert haben, ist der Anteil alter Menschen an der Gesamtzahl der Suizide gestiegen. Vernachlässigt werden auch Suchterkrankungen im Alter – vor allem die Abhängigkeit von Alkohol und Tranquilizern. Und schließlich ist die enorme Fehlversorgung mit Psychopharmaka bei älteren Menschen ein großes Problem, insbesondere auch in Alten- und Pflegeheimen. Oft werden vorschnell und in Unkenntnis der Wechselwirkung mit anderen Medikamenten Psychopharmaka verabreicht – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen wie Medikamentenabhängigkeit und häufigen Stürzen.


BVPG: Welche Handlungserfordernisse ergeben sich bzgl. der seelischen Gesundheit im Alter insbesondere für den Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung"?

Generell gilt es, die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen zu stärken, indem deren Selbstständigkeit erhalten und soziale Benachteiligungen abgebaut werden. Ältere Menschen und ihre Angehörigen müssen aber auch über konkrete Möglichkeiten zur Erhaltung und Stärkung der psychischen Gesundheit informiert werden. Daneben sollten die Kompetenzen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Gesundheitsberufen in Bezug auf psychische Gesundheit verbessert werden, damit etwa der Hausarzt/die Hausärztin Depressionen adäquat diagnostiziert und behandelt oder die Pflegekraft frühzeitig Anzeichen psychischer Erkrankungen bemerkt. Bereits in den kommenden Jahren wird Psychotherapie – für die meisten psychischen Erkrankungen als Behandlung der Wahl – bei den dann älteren Menschen genauso selbstverständlich sein wie bei Jüngeren – und das zu Recht. Wir rechnen also mit einem deutlichen höheren Bedarf an ambulanter Psychotherapie bei älteren Menschen, der von der Gesundheitspolitik bisher ausgeblendet wird.

Zur Gesundheitsförderung gehört darüber hinaus die Unterstützung pflegender Angehöriger. Nahezu drei Viertel der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause gepflegt, davon zu 90 Prozent von ihren Angehörigen. Diese stehen unter einer hohen psychischen Belastung. Mehr als jeder zweite pflegende Angehörige leidet unter depressiven Symptomen und Ängsten. Fast jede/r Vierte entwickelt eine depressive Erkrankung. Angehörige benötigen nicht nur eine Stärkung ihrer pflegerischen Kompetenzen, sondern auch Entlastung bei emotionaler Überforderung.


Herr Prof. Dr. Richter, vielen Dank für das Interview!



Das Interview führte Ann-Cathrin Hellwig.




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Seite erstellt am: 10.10.2013 10:36:00
Autor/-in der Seite: Ann-Cathrin Hellwig






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