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Extrem feminines Geschlechtsrollen-Selbstkonzept vermeiden


Dienstag, 29. Oktober 2013

Feminines Selbstkonzept: Risikofaktor für Depressionen?!


Junge Frau mit Telefon und NotebookFrauen weisen eine im Vergleich zu Männern erhöhte Anfälligkeit für Depressionen und Ängste auf. Doch wie kommt diese Ungleichverteilung zustande? Dieser Frage gehen Elke Rohmann und Hans-Werner Bierhoff nach und untersuchen dabei den Einfluss des Geschlechtsrollen-Selbstkonzepts.

Einleitend führt das Wissenschaftlerteam der Ruhr-Universität Bochum aus, dass die erhöhte Anfälligkeit für Depressionen und Ängste bei Frauen auf eine Kombination mehrerer Ursachen zurückzuführen ist. So stellen u.a. die geschlechterspezifische Sozialisation, traditionelle Geschlechterrollenerwartungen und geschlechtsrollenbezogenes Wissen wichtige Faktoren für diese Ungleichverteilung dar. Der Zusammenhang zwischen dem Geschlechtsrollen-Selbstkonzept und psychischen Leiden ist bisher jedoch nur unzureichend untersucht. Hier setzt das Forschungsvorhaben von Rohmann und Bierhoff an.

Im Rahmen ihrer Untersuchung unterscheidet das Autorenteam zwischen instrumentellem und expressivem Selbstkonzept. Unter Instrumentalität wird die Fähigkeit verstanden, eigene Ziele mithilfe von Durchsetzungsfähigkeit und Stärke zu erreichen, während ein expressives Selbstkonzept die Unterstützung der Zielerreichung anderer fokussiert. Während das instrumentelle Selbstkonzept eher den männlichen Rollenerwartungen entspricht, wird das expressive Selbstkonzept vorwiegend Frauen zugeschrieben.

Um Aussagen zur Forschungsfrage treffen zu können, wurden 106 Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren mithilfe von Fragebögen befragt. Dabei wurden zwei Merkmalsbereiche erfasst:

  1. das Geschlechtsrollen-Selbstkonzept im Sinne von (übermäßig ausgeprägtem) instrumentellen oder expressiven Eigenschaften,
  2. die Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens gemessen an den Indikatoren depressive Verstimmung, Beschwerden, Neurotizismus und Zwänge.

Im Rahmen der Auswertung wurden Korrelationen, multiple Regressionen sowie eine kanonische Korrelationsanalyse durchgeführt.

Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass das Geschlechtsrollen-Selbstkonzept und Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens eng miteinander verknüpft sind. Einhergehend mit den zuvor aufgestellten Hypothesen können Rohmann und Bierhoff anhand ihrer Datenanalysen belegen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen übermäßiger Expressivität und einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit besteht: Je extremer das Selbstkonzept durch Opferbereitschaft, Betonung von Fürsorglichkeit und Hingabe für andere geprägt ist, desto stärker fallen depressive Tendenzen, Beschwerden, Neurotizismus und Zwänge aus.

Ebenso geben die Auswertungen der Untersuchungsergebnisse Hinweise darauf, dass eine übermäßige Instrumentalität – also die extreme Selbstfokussierung unter Ausschluss von anderen – negative Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden beinhaltet. Dahingegen erweist sich den Studienergebnissen zufolge eine verminderte Instrumentalität als protektiver Faktor vor Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens: Frauen, die Durchsetzungsbereitschaft und Initiative zeigen, weisen weniger depressive Tendenzen und Beschwerden auf. Sie beschreiben sich als weniger ängstlich und berichten über weniger Zwänge im Verhalten.

Unabhängig voneinander tragen alle drei untersuchten Persönlichkeitseigenschaften zur Vorhersage der Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens bei: Während sich übermäßige Expressivität und übermäßige Instrumentalität als ungünstige Persönlichkeitseigenschaften erweisen, wird eine verminderte Instrumentalität als Schutzfaktor interpretiert. Im Hinblick auf die praktische Relevanz ihrer Ergebnisse, empfehlen Rohmann und Bierhoff, ein extrem ‚feminines’ sowie ein extrem ‚maskulines’ Geschlechtsrollen-Selbstkonzept zu vermeiden. Sind solche Orientierungen vorhanden, empfiehlt das Autorenteam diese zugunsten des psychischen Wohlbefindens zu reduzieren. Benötigt werden entsprechende Interventionen sowie zugehörige Evaluationen.


Quelle:

Rohmann, E und Bierhoff, H-W (2013): Geschlechtsrollen-Selbstkonzept und Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens bei jungen Frauen. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 21 (4), 177-190.




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Seite erstellt am: 29.10.2013 10:46:00
Autor/-in der Seite: Ann-Cathrin Hellwig