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Bedeutung einer neuen Lern- und Beziehungskultur


Dienstag, 26. November 2013

Mehr Gemeinsinn, mehr Kreativität: Salutogene Beziehungskultur durch 'Kommunale Intelligenz'


Spielfiguren vernetztIn seinem Buch “Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden” fordert Prof. Gerald Hüther die Wiederbelebung der Kommunen als gemeinschaftliche Lernorte. Im Interview erläutert er, welche Bedeutung einer neuen Lern- und Beziehungskultur im Hinblick auf Prävention und Gesundheitsförderung zukommt.

BVPG: Sehr geehrter Herr Prof. Hüther, wer sollte Ihr Buch lesen und warum?

Als Hirnforscher interessiert mich die Frage, wie es ermöglicht werden kann, dass Menschen die in ihnen - vor allem in ihrem Gehirn - angelegten Potenziale so gut wie möglich zur Entfaltung bringen können. Damit jedes Kind seine Talente und Begabungen auch wirklich entfalten kann, braucht es dafür günstige Bedingungen, also vor allem möglichst ermutigende und inspirierende Erfahrungen mit anderen Menschen. Unser Gehirn entwickelt sich nicht von allein, wir brauchen dazu andere Personen, die uns ihr Wissen weitergeben, die wichtige Erfahrungen mit uns teilen, die uns zeigen, worauf es im Leben ankommt und uns helfen, Herausforderungen zu meistern und zu eigenständigen und verantwortungsvollen Gestaltern unseres eigenen Lebens heranzureifen.

Die Entfaltung individueller Potenziale gelingt deshalb nur innerhalb einer dafür günstigeren Beziehungskultur. Und in diesem Buch gehe ich der Frage nach, wie so eine Beziehungskultur in einer menschlichen Gemeinschaft aussehen müsste, woran man sie erkennt und wie sie in Städten und Gemeinden entwickelt werden kann. Wer sich dafür interessiert, findet in diesem Buch sicher den ein oder anderen spannenden Gedanken und auch einige nützliche Anregungen.


BVPG: Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Dass in menschlichen Gemeinschaften Potenziale verborgen sind, die bisher bestenfalls in Ansätzen zu erahnen sind, ist der zentrale Gedanke. Und die neue Perspektive eröffnet sich aus der Erkenntnis, dass kein Mensch ohne andere Menschen leben und sich entwickeln kann. Unser Gehirn wird in viel stärkerem Maß als wir uns das gegenwärtig einzugestehen bereit sind, durch soziale Erfahrungen strukturiert. Es ist eigentlich ein soziales Konstrukt. Für eine Gemeinschaft, in der sich der/die Einzelne zumeist auf Kosten anderer durchzusetzen versucht, in der die Beziehungen zwischen den Menschen durch Angst, Druck und Konkurrenz geprägt sind, ist diese Erkenntnis eine ziemlich große Herausforderung.


BVPG: Welche Bedeutung kommt dem Thema Ihres Buches im Hinblick auf Prävention und Gesundheitsförderung zu?

So manche Erkrankung,,die uns gegenwärtig zu schaffen macht, würde nicht entstehen, wenn jeder Mensch von Kindesbeinen an das Gefühl hätte, so gesehen, angenommen und gemocht zu werden, wie er ist - oder wenigstens in seiner Einzigartigkeit respektiert zu werden. Wenn es einem Menschen also im Zusammenleben mit den anderen ermöglicht wird, einerseits die Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Verbundenheit und andererseits nach Gestaltungsräumen, Autonomie und Freiheit zu stillen, dann könnte jeder seine Potenziale entfalten, dann wäre er oder sie auch glücklich. Und ein solcher Mensch bliebe auch weitaus gesünder. Gesunderhaltung, Glück und Potenzialentfaltung bilden offenbar eine Einheit. Eines allein, ohne die anderen Aspekte geht nicht. Wer glücklich ist, wird deshalb nicht nur seine Talente und Begabungen optimal entfalten, der wird auch seltener krank.


BVPG: Sie schreiben in diesem Zusammenhang von "salutogenetischen Ansätzen zur Revitalisierung des kommunalen Lebens". Was ist darunter zu verstehen?

Eine günstige Beziehungskultur ist automatisch "salutogen". Denn in einer solchen Gemeinschaft sorgen alle Mitglieder dafür, dass das, was dort passiert, für jeden Einzelnen verstehbar ist. Dass jeder das Gefühl hat, sich in diese Gemeinschaft einzubringen, sie mitgestalten zu können - damit gewinnt das Leben einen Sinn. Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit und Sinnhaftigkeit sind die drei salutogenetischen Prinzipien, die nicht nur den Einzelnen, sondern auch eine ganze Gemeinschaft gesund erhalten.


BVPG: Ein besonderer Fokus Ihres Buches liegt auf dem Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen in der Kommune. Wie können diese zu einem gelingenden und damit auch gesunden Aufwachsen beitragen?

Eine günstigere Beziehungskultur in einer Gemeinschaft lässt sich nicht von "Oben" anordnen. Die kann nur von unten wachsen, indem sich einzelne Mitglieder dafür einsetzen und diese neue Kultur im Umgang miteinander vorleben. In den Köpfen der Erwachsenen stecken aber meist noch sehr viele Vorurteile, sie finden ständig neue Argumente, warum es nicht anders geht oder gehen kann. Die in eine Gemeinschaft hineinwachsenden Kinder sind noch viel offener. Sie sind deshalb auch beziehungsfähiger. Und sie haben noch Lust, neues auszuprobieren. Deshalb können die in eine Gemeinschaft hineinwachsenden Kinder und Jugendliche alte Denkmuster und soziale Barrieren viel leichter überwinden. Wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt, können sie sehr schnell zu den eigentlichen Akteurinnen und Akteuren einer neuen Lernkultur werden. In Thüringen begleite ich so ein Vorhaben des dortigen Kultusministeriums in inzwischen über dreißig Gemeinden und Städten (www.nelecom-begleitprogramm.de).


BVPG: Was zeichnet Ihrer Meinung nach zukunftsfähige Kommunen aus?

Zukunftsfähige menschliche Gemeinschaften funktionieren ähnlich wie unser Gehirn. Das wächst ja nicht, indem es immer größer wird, bis uns irgendwann der Schädel platzt. Es wächst stattdessen durch eine fortwährende Intensivierung der Beziehungen zwischen den Nervenzellen, also durch Verstärkung seiner Konnektivität, wie das die Hirnforscher nennen. Dieses Wachstumsmodell übertragen auf Kommunen heißt: mehr Begegnung, mehr Austausch, mehr Vernetzung, mehr Gemeinsinn, mehr Kreativität und mehr Innovationsgeist. Das könnten unsere Kommunen besser gebrauchen als noch mehr Gewerbeflächen für den Bau von Einkaufszentren!


BVPG: Prof. Hüther, vielen Dank für das Interview!


Das Interview führte Ann-Cathrin Hellwig.


Quelle

Gerald Hüther (2013): Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. edition Körber Stiftung, Hamburg. 127 Seiten, Preis: 12 Euro.



Zur Pressemitteilung "Salutogene Beziehungskultur durch kommunale Intelligenz" gelangen Sie hier.




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Seite erstellt am: 26.11.2013 10:43:00
Autor/-in der Seite: Ann-Cathrin Hellwig






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