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Psychopharmaka im Kindergarten- und Grundschulalter


Donnerstag, 8. November 2012

ADHS-Präventionsstudie: Signifikante Abnahme der Hyperaktivität nur bei Mädchen


Viele Kinder erhalten bereits im Kindergarten- und Grundschulalter Psychopharmaka, darunter Psychostimulanzien wie Methylphenidat (z.B. Ritalin®). Ob es möglich ist, Kinder im Kindergarten so zu unterstützen, dass sie ihre Affekte besser kennenlernen und somit steuern können, untersuchte vor wenigen Jahren die Frankfurter Präventionsstudie. Das Ergebnis: Durch Präventionsmaßnahmen in Kindergärten konnten Aggressivität und Ängstlichkeit gesenkt werden. Symptome der Hyperaktivität reduzierten sich signifikant bei Mädchen, nicht jedoch bei Jungen. Die Studie begann im Jahr 2003 und endete 2006. Aus ihr entwickelten sich weitere, noch laufende Projekte.

An der Frankfurter Präventionsstudie beteiligten sich 14 Kindertagesstätten (Kitas) mit insgesamt 500 Kindern - weitere 14 Kitas mit nochmal 500 Kindern dienten als Kontrollgruppe. Das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt arbeitete dabei mit den Universitäten Kassel, München und Göttingen eng zusammen. Ein besonderes Ziel war die Integration benachteiligter Kinder.

In den Jahren 2004 bis 2006 besuchten Projektmitarbeiter die Kitas einmal pro Woche. Die Erzieherinnen nahmen alle zwei Wochen an Supervisionen (= Fallbesprechungen unter der Leitung eines Experten) teil. Die Projektmitarbeiter baten den Eltern Gespräche an; bei Bedarf konnten die Kinder oder Familien eine Einzel- bzw. Familientherapie in den Räumen der Kita beginnen.

Ab dem zweiten Projektjahr nahmen die Kinder außerdem am Gewaltpräventionsprogramm "Faustlos" teil, das von dem Heidelberger Psychoanalytiker Manfred Cierpka, dem Psychologen Andreas Schick und weiteren Mitarbeitern entwickelt wurde (Link) und auf das amerikanische Programm "Second Step" zurückgeht. Hier erlernten die Kinder unter anderem mithilfe der Handpuppen "Wilder Willi" und "Ruhiger Schneck" in Rollenspielen den Umgang mit Aggressionen.

Keines der 390 Kindergartenkinder, die sich im Zeitfenster von zwei Jahren in der Interventionsgruppe befanden, nahm Psychostimulanzien wie z.B. Ritalin oder andere Präparate zur ADHS-Behandlung ein.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten die Kinder der Interventionsgruppe am Ende der Studie signifikant weniger Ängstlichkeit und Aggressionen. Jungen, die von Hyperaktivität betroffen waren, zeigten keine wesentliche Besserung. Allerdings nahm bei hyperaktiven Mädchen der Interventionsgruppe die Hyperaktivität signifikant ab.


Die Präventionsstudie wurde im Projekt "Starthilfe" fortgesetzt
Die Kindertagesstätten fühlten sich wohl im Projekt: Die Beteiligten wünschten sich eine Fortsetzung. Dank der Polytechnischen Gesellschaft, der Zinkann-Stiftung und der Crespo-Foundation konnte das Projekt unter dem Namen "Starthilfe" in den Jahren 2007 und 2008 fortgesetzt werden.

Auch das Nachfolge-Projekt "EVA" (Evaluation zweier Frühpräventionsprogramme in Kindergärten mit Hochrisikokindern) untersucht zur Zeit die Effekte von psychologisch unterstützenden Maßnahmen in Kindergärten - hierbei wird das Projekt "Faustlos" mit dem psychoanalytischen Präventionsprogramm "Frühe Schritte" verglichen. Nähere Informationen finden Sie auf der Website des Sigmund-Freud-Instituts (Link).

Des Weiteren erwuchs aus der Präventionsstudie die "Therapiewirksamkeitsstudie hyperaktiver Kinder" (Link). Erstmalig werden darin psychoanalytische Therapien bei ADHS mit der verhaltenstherapeutisch-medikamentösen und der kinderpsychiatrischen niederfrequenten Therapie verglichen. Daneben wird eine unbehandelte Kontrollgruppe in die Auswertungen einbezogen. Studienergebnisse folgen im Laufe der nächsten Jahre, doch schon 2011 hat sich ein Ergebnis herauskristallisiert: 17 Kinder mit der Diagnose "ADHS" gemäß ICD-10 konnten bereits ihre psychoanalytische Therapie abschließen. 13 dieser Kinder erfüllten am Ende ihrer Therapie nicht mehr die ICD-10-Kriterien für die Diagnose "ADHS" - sowohl aus Eltern- als auch aus Lehrersicht.


Zusatzinformationen:

Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) können ihre Impulse nur schwer kontrollieren; sie sind unaufmerksam und können kaum stillsitzen. Die Diagnose "ADHS" wird dann gestellt, wenn Kinder (oder auch Erwachsene) verschiedene Symptome zeigen, die in Klassifikationssystemen wie z.B. der ICD-10 (International Classification of Diseases) oder dem DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) aufgelistet sind. Die Wissenschaftler diskutieren sehr lebhaft über die Ursachen der Störung. Fest steht jedoch: Die Diagnose ADHS ist eine "beschreibende" Diagnose, das heißt: verschiedene Verhaltensweisen und Symptome, die sich von außen beobachten lassen, werden damit beschrieben.

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass ADHS eine vorwiegend genetisch bedingte Erkrankung ist, die sich weitgehend unabhängig von den Lebensumständen äußert. Aus dieser Sicht sind Dopamin-Stoffwechselstörungen im Gehirn das vorrangige Problem. Die Erkrankung schwäche sich im Erwachsenenalter zwar häufig ab, bleibe jedoch prinzipiell ein Leben lang bestehen, so die zur Zeit vorherrschende Lehrmeinung. Diese Lehrmeinung wird bislang auch in den AWMF-Leitlinien festgehalten (AWMF = Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften), beispielsweise in der Leitlinie "Diagnostik und Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen" (Link). Hiernach sind Medikamente (Psychostimulanzien) und die Verhaltenstherapie die Therapien mit dem höchsten Evidenzgrad, also mit der stärksten wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkung. Eine eigene Leitlinie "ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen" ist bislang nur als Leitlinienvorhaben angemeldet (Link). Auch das Zentrale ADHS-Netzwerk (Link), das im Jahr 2006 von einem Wissenschaftsteam um Manfred Döpfner, Universität Köln, ins Leben gerufen wurde, vertritt diese Sichtweise.

Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass ADHS zum größten Teil durch die Umwelt, also die Lebensumstände, die Beziehung zu den Eltern, die Abwesenheit des Vaters usw. bedingt ist. Diese Sichtweise vertreten insbesondere psychoanalytisch orientierte Wissenschaftler - z.B. Evelyn Heinemann (Link), Hans Hopf, (Link), Hans von Lüpke (Link), Annette Streeck-Fischer (Link) und natürlich der durch die Medien bekannt gewordene Neurobiologe Gerald Hüther (Link).

Einige Wissenschaftler sehen in der "Epigenetik" ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den zwei Sichtweisen: durch Erfahrungen, die das Kind - bereits schon im Mutterleib - macht, können die Gene verändert werden. Mehr Informationen hierzu finden Sie unter folgendem Link.


Quellen

Frankfurter Präventionsstudie, Zusammenfassung Link

Ausführliche Projektbeschreibung Link

Frankfurter ADHS-Wirksamkeitsstudie Link


Weitere Links:

Beobachten, Beraten und Fördern in der Schule II: ADHS - frühe Affektstörung? Frankfurter Präventionsstudie psychosozialer Integrationsstörungen bei Kindergartenkindern. Sitzung vom 23. April 2008 PDF

Aktuelle ADHS-Forschungsprojekte, ADHS-Netz Link

Polytechnische Gesellschaft Frankfurt Link

Crespo-Foundation Link

"Second Step", US-amerikanisches Gewaltpräventionsprogramm Link

AWMF-Leitlinie "ADHS" Link

Zentrales ADHS-Netz, Stellungnahme vom 19. März 2012 Link




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Seite zuletzt geändert am: 08.11.2012 08:06:00, ursprünglich angelegt am: 07.11.2012 13:06:00
Autor/-in der Seite: Dr. Dunja Voos






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