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Interview mit „Männergesundheits“-Experte Thomas Altgeld


Dienstag, 29. November 2016

„Einen angemessenen Stellenwert hat Männergesundheit hierzulande leider noch nicht.“


Mann in HängematteWir haben mit „Männergesundheits“-Experte Thomas Altgeld gesprochen. Der Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V skizzierte dabei die aus seiner Sicht wichtigsten Aspekte zum Thema „Männergesundheit“.

BVPG: Wie hat sich das Thema Männergesundheit entwickelt und hat es heute einen angemessenen Stellenwert? 

Das Thema hat sich in den letzten zehn Jahren langsam entwickelt und etwas an Bedeutung zugenommen. International haben beispielsweise Australien, Kanada und Irland nationale Gesundheitsprogramme etabliert. 

Einen angemessenen Stellenwert hat Männergesundheit hierzulande leider noch nicht. In Versorgung und in Prävention ist das Geschlecht generell schlecht abgebildet und immer noch unterschätzt. Allerdings gibt es hier mittlerweile eine gewisse Sensibilität. 

 

BVPG: Können Sie dies näher erläutern bzw. wie zeigt sich dies? 

In den letzten Jahren ist in vielen Bereichen aufgefallen, dass man die Bedürfnisse von Männern auch betrachten muss und es hat sich eine gewisse Form der Gleichstellungspolitik auch für Männer etabliert. Hier ist an erster Stelle das Bundesforum Männer zu nennen. Im Bereich Gesundheit wird dies durch die Gesundheitsberichterstattung – insbesondere den Männergesundheitsbericht – sowie die Daten des Robert Koch-Instituts deutlich. Hier werden Geschlechterunterschiede sichtbar. 

Das Präventionsgesetz versucht diesen Unterschieden gerecht zu werden (Artikel 1, Absatz 1., Satz 2, Anmerkung der Redaktion). Was damit jetzt eine Grundsatzverpflichtung der Krankenkassen bei der Leistungsgewährung ist, hätte vor zehn Jahren niemand in ein Gesetz geschrieben. 

 

BVPG: Wie sieht dies in der Praxis zum Beispiel in Hinblick auf Präventionsangebote aus?

Der Zugriff des Medizinsystems auf Frauen ist direkter, beispielsweise gibt es zwar ein weibliches Brustkrebsscreening, aber keine Art von etablierter Prostatafrüherkennung. Eine Ungleichheit zeigt sich auch darin, dass 80 Prozent der Teilnehmenden von Präventionsangeboten der Krankenkassen Frauen sind. Hier müsste die Angebotsstruktur analysiert werden, um dem entgegen zu wirken. 

Aber das Bewusstsein, Gesundheitsforschung auch geschlechtsspezifisch zu fördern, steigt. Ein Beispiel dafür ist die Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – „Gesund ein Leben lang" (Link...).  

 

BVPG: Welche konkreten Präventionsangebote für Männer gibt es denn? 

Leider keine. Wenn man sich die bundesweite Datenbank zu Modellen guter Praxis gesundheitlicher Chancengleichheit ansieht, findet man diese nur für Mädchen und Frauen. Es gibt kein einziges für Männer oder Jungen. Das heißt, hier ist noch viel Handlungsbedarf. 

 

BVPG: Welche männlichen Präventionsfelder sind denn aus Ihrer Sicht besonders wichtig? 

Ein präventives Schwerpunktthema sollte psychische Gesundheit bei Männern sein. Hier gibt es bisher nur wenige Erkenntnisse darüber, wie man Depressionen oder Burnout vermeiden und frühzeitig intervenieren kann. Schon die Diagnostik ist geschlechterstereotyp zu Ungunsten der Männer. Auch hier lohnt der Blick in andere Länder. In Kanada werden geschlechterspezifische Präventionsprogramme bereits umgesetzt. 

Ein weiterer Schwerpunkt sollte die Gesundheit von Jungen hinsichtlich der Diagnose ADHS sein sowie die damit verbundene Medikalisierung mit Ritalin. Ca. 10 Prozent der männlichen GKV-Versicherten bis zum zehnten Lebensjahr werden damit behandelt, was zunächst einmal eine massive Kostenbelastung ist. Gravierender ist allerdings, dass die langfristigen Folgen etwa im höheren Lebensalter ja völlig unklar sind. Hier sehe ich echten Handlungsbedarf. 

 

BVPG: Wie könnte man denn z.B. auf die ADHS-Problematik reagieren? 

Um dem zu begegnen, müsste man in den Schulen und KiTas anfangen. Hier stellt sich die Frage, ob der Schulalltag nicht stärker mädchen- als jungenkonform ist. Man müsste die Unterrichts-/ bzw. Schulalltagsgestaltung so anlegen, dass Kinder die Bewegung nicht abtrainiert bekommen. Dies führt insbesondere bei Jungen zu Schwierigkeiten, da diese mehr von bewegungsorientiertem, spielerischem Lernen profitieren. Über besseres Lernen wären Jungen weniger auffällig  und es gäbe dadurch weniger ADHS-Diagnosen. 

 

BVPG: Welches sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Handlungsfelder für eine Mehr an Männergesundheit? 

Ich glaube, dass wir eine Sensibilisierung aller Gesundheits-, Sozial- und Bildungsberufe für geschlechtsreflexives Arbeiten brauchen. Es wäre viel gewonnen, wenn die Geschlechter- bzw. die Geschlechtsrollenvorstellung bereits im Studium/in der Ausbildung hinterfragt würden. Hier ist eine Sensibilisierung dafür notwendig, dass es unterschiedliche Bedarfe gibt. 

Darüber hinaus sehe ich einen großen Bedarf, die Forschung in diesem Bereich zu stärken. Insbesondere das Mehr an Geld, das jetzt für Prävention und Gesundheitsförderung ausgegeben werden soll, müsste sinnvoll investiertes Geld sein und keine neuen Materialfluten produzieren, sondern sollte dazu führen, sich wirklich mit geschlechtsspezifischen Bedarfslagen auseinanderzusetzen. 

Die Gesundheits- und Versorgungsberichterstattung sollte sich dahingehend verändern, dass sie im Gegensatz zu heute tatsächlich geschlechterreflexiv ist. Wenn die Regelberichterstattung tatsächlich Gender als grundlegendes Kriterium nehmen würde, bräuchte man gar keine Spezialberichterstattung und könnte aus diesen Daten viel gewinnen. 

 

BVPG: Welche Akteure könnten das leisten? 

Der GKV-Spitzenverband wäre eigentlich eine gute Adresse dafür. Der hat mit dem Paragrafen 20 (des fünften Sozialgesetzbuches, Anmerkung d. R.) eine entsprechende Handlungsgrundlage. Hier könnte man den gesamten Leistungskatalog des SGB V hinsichtlich der geschlechtlichen Besonderheiten analysieren.  

 

BVPG: Sehr geehrter Herr Altgeld, wir danken Ihnen für dieses Interview.  

 

Das Interview führte Philipp Görgen, BVPG.

 


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Seite zuletzt geändert am: 29.11.2016 10:42:00, ursprünglich angelegt am: 29.11.2016 15:42:00
Autor/-in der Seite: Philipp Görgen






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