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Beanspruchung des Gehirns senkt Demenzrisiko


Donnerstag, 9. August 2012

Use It or Lose It: Schützt ein kognitiv aktiver Lebensstil vor Alzheimer? – Ja, aber zum Teil anders als erwartet


Lernen, neugierig sein, sich geistig herausfordern zu lassen, kurzum: das Gehirn zu beanspruchen, senkt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Einige Studien konnten diesen Zusammenhang bereits nachweisen. Allerdings ist teilweise noch ungeklärt, welche Komponenten genau diesen Schutz ausmachen und in welcher Form der Lebensstil mit neurodegenerativen Veränderungen zusammenhängt.

Die "Medical Research Council Cognitive Fuction and Ageing Study" ging diesen Fragen auf den Grund. Diese in England und Wales durchgeführte Studie umfasste 13.004 Personen im Alter von mindestens 65 Jahren. Die Wissenschaftler Michael Valenzuela (Prince of Wales Hospital, Randwick, Australien) und seine Kollegen interviewten die Studienteilnehmer erstmalig in den Jahren 1991-1992. Sie begleiteten die Teilnehmer 10 Jahre lang, um das Auftreten einer Demenz (Demenz-Inzidenz) zu registrieren. Nach 12 Jahren erfassten die Autoren die Mortalitätsrate ihrer Studienpopulation.

Zu verschiedenen Zeitpunkten der Studie erhoben die Wissenschaftler den "Cognitive Lifestyle Score" (CLS) der Teilnehmer. Dieser Wert setzt sich aus Angaben zur Ausbildung, zur Komplexität der ausgeübten beruflichen Tätigkeit und zum sozialen Engagement zusammen. Hinzu kommen Ergebnisse von pathologischen und neurophysiologischen Untersuchungen an 329 für diesen Zweck gespendeten Gehirnen verstorbener Studienteilnehmer.

Es wurde bald deutlich: Das Risiko, dement zu werden, war bei den Personen, die eine Kombination aus guter Bildung, komplexer beruflicher Tätigkeit und sozialem Engagement im höheren Lebensalter aufwiesen, um 40% niedriger als bei Personen ohne diese sozialen Werte.

Das geringere Demenzrisiko war selbst dann noch zu beobachten, wenn eine Kombination aus nur zwei dieser CLS-Komponenten vorlag. Lag nur eine Komponente vor, hatte dies jedoch keinen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko. Eine gute Ausbildung allein reicht also nicht aus, um das Risiko einer Demenz zu verringern - erst wenn ein weiteres Merkmal hinzukommt, sinkt das Demenzrisiko. Die Daten weisen darauf hin, dass vor allem eine längere Dauer der Ausbildung und sozial stimulierende Erfahrungen im mittleren und höheren Alter notwendig sind, um vor einer Demenz zu schützen. Ein hoher CLS-Wert beeinflusst allerdings nicht die Überlebenschance eines an Demenz erkrankten Patienten.


Und wie sieht es im Gehirn aus?
Bei der Untersuchung der Gehirne verstorbener Studienteilnehmer interessierten sich die Wissenschaftler für verschiedene Hirnregionen. Sie untersuchten zum Beispiel den Hippocampus, also ein Hirnareal, das an der Herstellung von Langzeiterinnerungen beteiligt ist. Auch das sogenannte "Brodmann-Areal 9", ein Teil des Vorderhirns, das an der optischen Wahrnehmung beteiligt ist und mit dem Arbeitsgedächtnis in Verbindung steht, wurde untersucht.

Die Wissenschaftler kamen dabei zu einem interessanten Ergebnis: Die Gehirne der Teilnehmer mit einem hohen CLS-Wert wiesen teilweise die gleichen Anzeichen für eine Alzheimer-Demenz auf wie die Gehirne der Teilnehmer mit einem niedrigeren CLS-Wert. Wenn Studienteilnehmer an Alzheimer erkrankten, konnte man am Gehirngewebe selbst nicht erkennen, ob die Studienteilnehmer zuvor einen hohen oder niedrigen CLS-Wert aufwiesen.
Auch die Dichte der Nervenzellen im Hippocampus unterschied sich zwischen den Patienten mit hohen und niedrigen CLS-Werten nicht.

Anders sieht es dagegen bei der Dichte der Nervenzellen in anderen Hirnregionen aus, zum Beispiel in der Brodmann-Area 9: Hier fanden die Wissenschaftler bei den ehemals kognitiv aktiven Personen eine deutlich höhere Nervenzelldichte als bei den vormals weniger aktiven Patienten.


Erstaunliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Die Wissenschaftler untersuchten außerdem den Zusammenhang zwischen aktivem kognitiven Lebensstil und dem Auftreten von Gefäßerkrankungen des Gehirns (zerebrovaskulären Erkrankungen). Auch hier machten sie eine interessante Entdeckung: Bei Männern sorgte ein aktiver Lebensstil dafür, dass das Risiko für eine zerebrovaskuläre Erkrankung um 80% niedriger war als bei den weniger aktiven Männern. Dieser Zusammenhang fand sich bei den Frauen jedoch nicht.

Genau umgekehrt sah es beim Hirngewicht aus: Hier hatten von den kognitiv aktiven Frauen 46% ein überdurchschnittliches Hirngewicht; von den kognitiv weniger aktiven Frauen wiesen nur 20% ein überdurchschnittliches Hirngewicht auf. Der Unterschied war statistisch signifikant. Dieser Zusammenhang zwischen aktivem kognitiven Lebensstil und Hirngewicht konnte bei den Männern nicht beobachtet werden.

Das Risiko, zum Zeitpunkt des Todes an einer Demenz zu leiden, war bei Männern mit einem hohen CLS-Wert um 80% geringer als bei Männern mit einem niedrigen CLS-Wert. Bei Frauen zeigte sich dieser Zusammenhang nicht.

Auch wenn diese Unterschiede zwischen Männern und Frauen zunächst unerklärt bleiben, weist die Studie doch darauf hin, dass es anscheinend möglich ist, das Risiko für eine Demenzerkrankung durch soziale Maßnahmen zu verringern oder den Eintritt der Erkrankung zu verschieben. Außerdem konnte die Studie zeigen, dass es einen komplexen Zusammenhang zwischen kognitiver Aktivität und neurobiologischen Veränderungen im Gehirn gibt.

Natürlich lassen sich Demenzen nicht grundsätzlich verhindern. Ob ein (älterer) Mensch motiviert ist, geistig rege zu bleiben, hängt sicher auch von seinem Lebensweg und seinen Lebensumständen ab. Doch allein das Wissen, dass ein "kognitiv aktiver Lebensstil" schützend wirken kann, ist wahrscheinlich für viele eine gute Motivation.


Die Ergebnisse der Studie finden sich in zwei Publikationen:

Valenzuela, M; Brayne, C; Sachdev, P; Wilcock, G; Matthews, F (2011): Cognitive lifestyle and long-term risk of dementia and survival after diagnosis in a multicenter population-based cohort. American Journal of Epidemiology; 173(9):1004-12.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.

Valenzuela, MJ et al. (2012): Multiple biological pathways link cognitive lifestyle to protection from dementia. Biological Psychiatry; 71:783.
Das Abstract zum Artikel finden Sie hier.




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Seite zuletzt geändert am: 09.08.2012 08:02:00, ursprünglich angelegt am: 07.08.2012 10:12:00
Autor/-in der Seite: Dr. Bernard Braun, Dr. Dunja Voos






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